SUSANNE MITTAG: CAROLINE SCHLEGEL-SCHELLING (1763-1809) - „DAME LUZIFER“ UND „MUSE DER ROMANTIK“

Vortrag beim Verein für Geschichte und Landeskunde Bad Homburg vor der Höhe am 13. Oktober 2009

 

Es gibt Lebensläufe, die so bewegt und verschlungen sind, dass sie wie die Vorlage zu einem Abenteuerroman wirken, wobei sich ein solches Buch die kritische Frage gefallen lassen müsste, ob da nicht ein wenig dick aufgetragen wurde. Der Lebenslauf der Caroline mit den vier Nachnamen gehört eindeutig  dazu: allein diese Namen deuten eine komplexe Vita an: Caroline geb. Michaelis, verwitwete Böhmer, geschiedene Schlegel, verheiratete Schelling. In der Tat gibt es unter den zahlreichen Darstellungen von Carolines Leben einige Romane, die ihre Vita melodramatisch ausmalen. Es ist nicht ganz leicht, ein stimmiges Bild dieser Frau zu entwerfen. Das liegt zum einen daran, dass die Person Caroline in auffallender Weise polarisiert - schon die Urteile der Zeitgenossen über sie bewegen sich zwischen liebender Verehrung und hämischer Verachtung. Das liegt zum anderen an der Quellenlage insgesamt. Von Carolines umfangreicher Korrespondenz hat sich nur ein Bruchteil erhalten - immerhin noch 600 Briefe, deren Originale aber nicht mehr existieren. Vieles wurde absichtlich vernichtet, anderes ging in den 200 Jahren seit ihrem Tod verloren. Ein Brief war damals in der Regel vier Tage unterwegs, wenn er nicht einem Reisenden mitgegeben wurde, und man kann sich nur wundern, wie schnell sich seinerzeit schon Informationen wie auch Klatsch und Tratsch verbreiteten. Da Caroline durch viele Ortswechsel und aufgrund ihres kommunikativen Naturells mit vielen Zeitgenossen und -genossinnen in Kontakt kam, finden sich auch in den Briefwechseln anderer Personen Urteile und Aussagen über sie, sachliche Nachrichten ebenso wie üble Nachrede. Dass Briefe eine andere Tonart oder Tendenz annehmen, ja sogar unterschiedliche Meinungen äußern, je nachdem, wer der Adressat ist und was mit dem Schreiben bezweckt wird, ist in Korrespondenzen oft zu beobachten, bei den Äußerungen über Caroline sind solche Diskrepanzen häufig, das Urteil über sie wird dadurch nicht leichter.
Wenden wir uns also ihrem Leben zu.
Geboren wird sie am 2. September 1763 als Carolina Dorothea Albertina Michaelis in Göttingen. Der Vater, Johann David Michaelis, ist ein weit über Göttingen hinaus hoch angesehener Professor für Orientalistik und Bibelexegese. Die Gestalt der Mutter bleibt undeutlich, sie führt ein für die damalige Zeit übliches Frauenleben - von den neun Kindern, die sie zur Welt bringt, erreichen vier das Erwachsenenalter. Die Mutter gilt als eher kühl, beherrscht, auf Reputation achtend. Das Modell eines erfüllten Frauenlebens stellt sie für die Tochter Caroline nicht dar. Im Hause Michaelis verkehrt, was Rang und Namen hat in Göttingen, und viele prominente Durchreisende sind zu Gast. Caroline wächst also in einem intellektuellen Milieu auf und wird auch nicht daran gehindert, sich mehr Bildung anzueignen als damals für ein Mädchen üblich ist. Sie lernt Englisch, Französisch, Italienisch, sie besucht regelmäßig das Theater und absolviert ein stattliches Lesepensum - klassische Lektüre wie auch viele wichtige Neuerscheinungen ihrer Zeit. Zwei Jahre, bis zu ihrem fünfzehnten Lebensjahr, lebt sie in Gotha in einer Art Mädchenpensionat; mit einer ihrer Kameradinnen aus dieser Zeit verbindet sie eine lebenslange Freundschaft, die Briefe an diese Freundin geben uns einen Eindruck vom Fühlen und Denken des Mädchens und von der weiteren Entwicklung der Heranwachsenden. Bevorzugte Themen in den Briefen der jungen Frauen sind Herzensangelegenheiten, erste Verliebtheiten und - mal kokett, mal ernsthaft - Fragen nach dem Lebensentwurf und nach der Rolle als Frau. Carolines Vorstellungen oder Einsichten erweisen sich als erstaunlich illusionslos, realistisch. Über ihre hochbegabte Göttinger Freundin Dorothea Schlözer, die schließlich zur ersten Doktorin überhaupt promoviert wird, urteilt sie kühl:
„[...] „Dortchen hat unendlich viel Geist und Verstand, aber zu ihrem Unglück, denn mit diesen Anlagen [...] kann sie weder Glück noch Achtung erwarten. Man schäzt ein Frauenzimmer nur nach dem, was sie als Frauenzimmer ist.“  (D 95) Caroline, so scheint es, hat begriffen und verinnerlicht, was zu ihrer Zeit von einer Frau erwartet wird, ein „sanfter weiblicher Charakter“, der sich geschmeidig den Konventionen und dem Manne unterordnet. Aber als 18-Jährige gesteht sie ihrer Freundin: „[...] ich würde, wenn ich ganz mein eigner Herr wäre, und außerdem in einer anständigen und angenehmen Lage leben könte, weit lieber gar nicht heyrathen, und auf andre Art der Welt zu nuzen suchen.“ (D 97)
Sie ist jedoch nicht ihr eigener Herr, und so geht sie 1784, mit knapp 21 Jahren, eine der üblichen von der Familie arrangierten Konvenienzehen ein; sie heiratet den zehn Jahre älteren Mediziner Johann Franz Wilhelm Böhmer. Das junge Ehepaar übersiedelt nach Clausthal im Harz, wo Böhmer die Stelle des Berg- und Stadtmedicus übernimmt. Er übt seinen Beruf mit großer Hingabe aus, mit Kompetenz und sozialem Engagement. Carolines Gefühle für ihren gebildeten und gütigen Mann sind nicht von Liebe, aber wohl doch von Vertrauen und Achtung geprägt. „Böhmer mus ein guter Ehemann seyn, so lang ich ihn liebe, und meine Zärtlichkeit für ihn trägt nicht das Gepräge auflodernder Empfindungen.“ (D 115)
Richtig heimisch wird Caroline in Clausthal nie, sie vermag sich nicht vorurteilsfrei auf die neue Umgebung einzulassen, vermisst zu sehr die geistig anregende Atmosphäre ihrer Heimatstadt, für die sie keinen anderen Ersatz findet als Lektüre und ausführliche Korrespondenzen. An die Schwester in Göttingen ergeht der Ruf: „[...] ich beschwöre Dich, schick mir keine Uhrbänder, sondern diesmal etwas zu lesen in gotischen Buchstaben. Ich bitte Dich um Brod, und Du giebest mir einen Stein.“ (D 117) Auch nach der Geburt ihres ersten Kindes, der sehr geliebten Auguste, der bald noch eine zweite Tochter folgen wird, überwiegen in ihren Briefen Langeweile, Schwermut, Resignation. „Ich bin nicht mehr Mädchen, die Liebe giebt mir nichts zu thun als in leichten häuslichen Pflichten - ich erwarte nichts mehr von einer rosenfarbenen Zukunft  - mein Loos ist geworfen. [...]“ (D 132) Doch im Februar 1788, also nach nicht einmal vier Jahren Ehe, stirbt Wilhelm Böhmer, nachdem er sich bei einem seiner Patienten infiziert hatte. Caroline, zum dritten Mal schwanger, verlässt Clausthal und geht erst einmal zurück nach Göttingen. Der kleine Sohn, den sie dort zur Welt bringt, stirbt nach wenigen Tagen. Sie spürt bald, dass sie im Elternhaus nicht selbstbestimmt leben kann. Als ihr Halbbruder Fritz, inzwischen Professor der Medizin in Marburg, sie einlädt, zu ihm in sein Haus zu ziehen, willigt sie ein. Sie hofft, „Einsamkeit, Freyheit und Ruhe“ zu finden, dass heißt, sie sucht einen Freiraum, wo sie ohne die Vorschriften und die mehr oder weniger gut gemeinten Ratschläge der Familie sich über ihre Lebenssituation und ihre Zukunftsperspektiven Klarheit verschaffen kann.
Der Aufenthalt in Marburg wird schmerzlich überschattet durch den Tod ihrer jüngsten Tochter, der knapp dreijährigen Therese. Und auch das Zusammenleben mit dem Bruder Fritz ist nicht so erfreulich wie erhofft. Caroline weiß, was Familie und Konvention von einer jungen Witwe erwarten - nämlich dass sie sich so bald wie möglich wieder verheiratet. Sie ist auch nicht prinzipiell gegen eine neue Verbindung, wohl aber gegen eine erneute bloße Versorgungsehe. So hält sie in dieser Zeit mit ausgedehnten Korrespondenzen die Verbindung zu drei Männern aufrecht, die sie aus ihrer Göttinger Mädchenzeit kennt und schätzt. Einer von ihnen ist August Wilhelm Schlegel, der als Student nach Göttingen und in den Kreis der dortigen Professorenfamilien kam. Er ist vielseitig begabt, strebsam und zuverlässig, aber mit gerade 21 Jahren vier Jahre jünger als Caroline und zudem mittellos; als er eine Stelle als Erzieher in Amsterdam annimmt, ergibt sich mit ihm eine ausgedehnte Korrespondenz, die verloren gegangen ist. Aber ihm selbst werden wir noch ausführlich begegnen. Ein weiterer wichtiger Briefpartner ist Friedrich Ludwig Wilhelm Meyer, ein Bibliothekar und Schriftsteller, ein Frauenheld, der sich nicht an eine Frau binden will, um es sich nicht mit den vielen anderen zu verderben. Carolines Briefe an ihn sind vielleicht nicht vollständig, aber in großer Zahl erhalten geblieben, und sie sind insofern merkwürdig und wichtig, als sie Auskunft geben über diese schwierige Phase in Carolines Leben. Sie zeigen Caroline als eine zunehmend sich ihrer selbst bewusste Frau, die in großer Offenheit ihrem Briefpartner als Fordernde, ja Werbende gegenübertritt, ihre Enttäuschung über ihn nicht verbirgt, und dabei doch ihre Würde und Selbstachtung wahrt. Was sich über so viele Briefe dieser Epoche  um 1800 sagen lässt - dass sie nicht nur Informationsträger sind, sondern viel eher Medien der Selbsterkundung und der reflektierenden Selbstdarstellung -, das gilt in besonderem Maße für Carolines Briefe. Der Akt des Schreibens, der Impuls zur gedanklichen Auseinandersetzung, das Bestreben nach adäquatem sprachlichen Ausdruck für Erfahrungen, Empfindungen und Überlegungen - das alles sind unverzichtbare Lebensäußerungen, sind Aktivitäten da, wo sich sonst kein sinnvolles Betätigungsfeld bietet; in den Briefwechseln eröffnen sich Räume, die über den eigenen kleinen Lebensradius hinaus reichen, und im Idealfall - mit einem adäquaten Korrespondenzpartner - schaffen sie auch geistig-intellektuell einen weiten Resonanzraum.
Die Briefe an besagten Meyer machen deutlich, wie Caroline als junge Witwe vor sich selbst und den Anderen ihre Lage definiert und wie sie sich in ihrem Glücksverlangen mit Nachdruck und gegen alle Konvention Eigensinn und Eigenverantwortlichkeit zum Lebensprinzip macht.
Ein Jahr nach Böhmers Tod schreibt sie im Rückblick auf die Zeit in Clausthal:
„Ich weiß nicht, ob ich je ganz glücklich seyn kann, aber das weiß ich, daß ich nie ganz unglücklich seyn werde; Sie haben mich in einer Lage gekant, wo ich, von allen Seiten eingeschränkt, durch den Druck meines eignen Gewichts niedersank - grausam bin ich herausgerissen, doch fühl ich, daß ich es bin, denn es ist so hell um mich geworden, als wenn ich zum erstenmal lebte, wie der Kranke, der ins Leben zurückkehrt und eine Kraft nach der andern wieder erlangt und neue reine Frühlingsluft athmet, und in nie empfundenem Bewußtseyn  schwelgt.“ (D139/140)
Zwei Jahre später, noch immer im Unklaren über ihre Zukunft, erklärt sie:
„Göttern und Menschen zum Trotz will ich glücklich seyn - also keiner Bitterkeit Raum geben, die mich quält - ich will nur meine Gewalt in ihr fühlen.“ (D 157)
Als die Familie ihrer treuen Freundin Luise Gotter in Gotha ihr eindringlich empfiehlt, die ehrenhafte Werbung des verwitweten Gothaer Superintendenten anzunehmen, beschreibt sie Meyer ihre Gedanken und Überlegungen dazu:
„[...] das ganze Lebensgewirr kreuzte sich in meinem Kopf - so oder so! 3 Tage wars mir ein Räthsel - es lößte sich zuletzt in die Frage auf: willst du gebunden seyn, und gemächlich leben, und in weltlichem Ansehn stehn bis ans Ende Deiner Tage - oder frey, müßtest Du es auch mit Sorgen erkaufen. - Die träge Natur lenkte sich dorthin - und die reinste innerste Flamme der Seele ergriff dieses - ich fühle was ich muß - weil ich fühle was ich kann - schelte mich niemand unvernünftig - [...] Wer sicher ist, die Folgen nie zu bejammern, darf thun was ihm gut dünkt.“ (KS 1, 231)
In dieser Verfassung fällt Caroline im Frühjahr 1792 eine Entscheidung; sie übersiedelt mit der kleinen Tochter Auguste nach Mainz. Vom Leben dort erhofft sie sich, endlich selbstständig und unbehelligt sein zu können, aber nicht gänzlich ohne menschlichen Rückhalt und anregenden geselligen Umgang. Den erwartet sie von alten Bekannten aus Göttingen, dem Ehepaar Forster, das seit 1788 in Mainz lebt. Für Georg Forster, den klugen Forscher und Weltreisenden, hatte Caroline schon als junges Mädchen geschwärmt, Forster aber hatte sich Therese Heyne zur Frau genommen, eine andere aus dem Kreis der Göttinger Professorentöchter. Die Ehe der Forsters erwies sich als Fiasko. Forster aber ertrug eher die Untreue seiner Frau als die Trennung von ihr. Als Caroline nach Mainz kommt, wohnt bei den Forsters längst der sächsische Legationsrat Ferdinand Huber, in den sich Therese leidenschaftlich verliebt hat und den sie später heiraten wird. Solcher Verwicklungen ungeachtet ist Caroline in der neuen Lebenssituation zufrieden, obwohl sie sich mit ihrer kleinen Witwenrente sehr einschränken muss:
„Die [Menschen], die ich jetzt sehe, sind gut, [...] gewähren meinem Kopf mehr Nahrung als - er bedarf - oder eigentlich mehr als er ihnen wieder geben kann, [...] Jeden Abend bin ich dort um Thee mit ihnen zu trinken, die interessantesten Zeitungen zu lesen, die seit Anbeginn der Welt erschienen sind - raisonnieren zu hören, selbst ein wenig zu schwazen - Fremde zu sehn u.s.w.“ (D 178) „Gelesen hab ich schon viel, und was mehr ist, viel Gutes.“ (D 172) Und Forster berichtet an Lichtenberg nach Göttingen: „Die Witwe Böhmer, des sel. Michaelis Tochter, ist seit Anfang Mai hier und lebt sehr eingezogen und zufrieden, [...] Es ist ein gescheites Weib, deren Umgang unsern häuslichen Zirkel bereichert.“ (Kl 86)
Caroline, die sehr klar die Schwächen und Fehler beider Partner erkennt, wird unweigerlich in den Ehekonflikt der Forsters verstrickt. Vor allem aber gerät sie dadurch unmittelbar in den Strudel politischer Auseinandersetzungen. In Mainz halten sich damals zahlreiche französische Emigranten auf, die den Revolutionswirren entflohen sind. Andererseits gibt es in der Stadt auch viele, die sich mit den Zielen der Französischen Revolution solidarisieren und ihren Sieg gegen das Ancien Régime herbeisehnen. Der Kreis um Forster, in dem Caroline mit wachsendem politischen Interesse verkehrt, gehört zu diesen Sympathisanten der Revolution, auch wenn man Anarchie und brutale Auswüchse fürchtet und ablehnt.
Als in den Auseinandersetzungen zwischen den französische Truppen und den Koalitionsarmeen Mainz im Oktober 1792 kampflos in französische Herrschaft gerät, beginnt die kurze Ära der Mainzer Republik. Der französische General Custine versucht republikanische Strukturen zu schaffen. Nach dem Vorbild des Pariser Jacobinerclubs wird die „Gesellschaft der Freunde der Gleichheit und Freiheit“ gegründet, der auch Georg Forster beitritt. Therese Forster verlässt Mainz mit ihren beiden Kindern im Dezember - nicht aus Angst vor den Franzosen wie so viele andere Revolutionsflüchtlinge, Adlige, Geistliche und Bürger aus Mainz, sondern um sich endlich von ihrem Mann zu trennen. Von nun ab kümmert sich Caroline um den Haushalt Georg Forsters, der seine ganze Kraft der Politik und der Sache der Republik widmet. Therese wird daraufhin das Gerücht streuen und jahrelang aufrecht erhalten, Caroline sei Forsters Geliebte und schuld an der Zerrüttung ihrer Ehe. Im März 1793 spitzt sich die militärische Lage erneut zu; die Koalitionsarmeen beginnen, das von Franzosen besetzte Terrain zurück zu erobern. Forster, als Jakobiner mit der Reichsacht belegt, geht als Abgeordneter nach Paris. Caroline bemüht sich ihrerseits, die nötigen Reisepapiere zu erlangen, um aus Mainz zu entkommen, ihr Ziel ist Gotha. Aber auf dem Weg nach Frankfurt wird die Kutsche von preußischem Militär angehalten, Caroline, die kleine Auguste und zwei mitreisende Frauen werden in Frankfurt verhört und schließlich auf der Festung Königstein arretiert. So wie es zuvor zu Schikanen und Gewaltakten gegen die Gegner der Revolution gekommen war, so stehen nun alle Anhänger und Sympathisanten der Revolution unter Generalverdacht und sind oft brutalen Willkürakten ausgesetzt. Gegenüber Caroline bestehen mehrere Verdachtsgründe. Ein Bruder ihres Mannes, also ein gewisser Böhmer, gehört zu den radikalsten Vertretern der Mainzer Republik; Caroline hat zwar jeden Kontakt zu ihm vermieden, wird nun aber für seine Frau gehalten. Obendrein ist ihre Verbindung zu Forster bekannt, ja es wird ihr sogar nachgesagt, sie sei die Maîtresse des Generals Custine. Ganz unabhängig von solchen Anschuldigungen werden in der Festung Königstein unter unsäglichen Haftbedingungen auch Unschuldige als Geiseln festgehalten, weil man damit die Auslieferung führender Köpfe der Mainzer Republik erpressen will. Carolines Situation mit der achtjährigen Auguste ist doppelt verzweifelt, weil sie in der Haft feststellen muss, dass sie schwanger ist. Der Vater dieses Kindes, Jean Baptiste Dubois-Crancé, ist ein 20-jähriger französischer Leutnant aus bester Familie, den sie in Mainz kennengelernt hat. Welche Folgen die Entdeckung ihrer Schwangerschaft haben würde, ist Caroline nur allzu klar: Sie würde ihre Witwenrente verlieren, man würde ihr die Tochter wegnehmen, und sie wäre als „Franzosenhure“ doppelt geächtet. Ohne den tiefsten Grund ihrer Not nennen zu können, schreibt sie dringende Hilferufe an die Familie und an alle ihre Freunde. Freund Meyer bleibt untätig; die Gothaer Freunde bemühen sich redlich aber vergeblich, die Göttinger können zunächst eine Haftverschonung erwirken - Caroline wird nach Kronberg verlegt. Rettung, nämlich die Haftentlassung im Juli 1793, kommt durch den Bruder Philipp zustande, der mit einem Gesuch an den preußischen König erfolgreich ist. Aus Amsterdam reist auch August Wilhelm Schlegel an, im Gepäck das Gift, um das Caroline ihn gebeten hatte für den Fall, dass sie nicht rechtzeitig, vor Entdeckung der Schwangerschaft, frei sein würde. Schlegel begleitet sie nun nach Leipzig, wo sie durch den Verleger Göschen Hilfe erfährt. In dem kleinen Ort Lucka bei Leipzig findet sich ein Unterschlupf, dort kann sie unter falschem Namen im Haus eines alten Arztes ihre Niederkunft erwarten. August Wilhelm muss zurück nach Amsterdam, beauftragt aber seinen jüngeren Bruder Friedrich, 21 Jahre alt und Student in Leipzig, sich um Caroline zu kümmern, was der auch getreulich tut. Am 3. November 1793 bringt Caroline einen Sohn, ihren kleinen citoyen, zur Welt. Sie hat Verbindung zum Vater des Kindes aufgenommen, Crancé will für das Kind sorgen und Caroline heiraten, ein Angebot, auf das sie jedoch nicht eingeht. Sie gibt den kleinen Sohn - vorübergehend, wie sie glaubt - in Lucka in Pflege, er stirbt nach anderthalb Jahren. Crancé, um das vorwegzunehmen, kommt im Jahr 1800 als Soldat in Napoleons Armee ums Leben.
Doch zurück ins Jahr 1793 zu Caroline Böhmer in Lucka. Sie ist nun dreißig Jahre alt, und wie nach dem Tod ihres Ehemanns muss sie sich eine neue Lebensperspektive schaffen. Ihre Briefe aus dieser Zeit zeugen in unvergleichlicher Mischung von Selbstkritik und Schuldeingeständnis, aber auch von selbstbewusster Souveränität und Ironie,  von Einssein mit sich selbst:
„Meine Pflichten kenne ich, und ich hoffe, ich übe sie jetzt in ihrem ganzen Umfang, indem ich gut zu machen trachte, was ich verbrochen habe, und weder Muth noch Geduld noch Freundlichkeit verliere.“ (D 219)  Nach der glücklichen Niederkunft schreibt sie wiederum an Meyer :
„Mir ist sehr wohl. Mein Leben ist mir wieder so lieb. Die glückliche ehrenvolle Mutter kan kein reineres Entzücken fühlen [...] als ich als mein Kind gebohren war. [...] Weiß ich aber, ob diese Nachrichten von dem Kind der Glut und Nacht Sie interessiren? [...] Nun also, wie gut ist’s, daß ich den Ausgang abgewartet habe, und wenn ich die Folge vor mir sehe - kann ich den Ursprung bereun? Eben diese brachte mich in die verzweiflungsvolle Lage, und sie ists nun, warum ich mir verzeihe. [...] Wer hier Schuld finden will, darf nicht in unsere Nähe kommen [...] hier herscht unschuldiges Vergessen alles Unrechts und aller Sünden.“ (D 222-223)
Wie in sich gegründet und innerlich frei Caroline trotz ihrer prekären Lage in der Zeit in Lucka gewesen sein muss, wird deutlich aus dem tiefen Eindruck, den sie auf ihren jungen Besucher Friedrich Schlegel gemacht hat. Friedrich war der begabtere der beiden Brüder, aber weniger diszipliniert und zielstrebig; psychisch labil, ohne rechten Lebensplan, ständig in Geldnot. Statt in Leipzig Jurisprudenz zu studieren, befasst er sich mit Literatur und Philosophie. In Caroline findet er nun eine belesene, geistig bewegliche und lebenskluge Gesprächspartnerin. Seine Briefe an den Bruder Wilhelm in Amsterdam bezeugen seine Begeisterung, er nennt Caroline „die Selbstständige“ und schreibt:
„Ihre Meinung ist seit der letzten Zeit von großem Werthe für mich gewesen, was mich über alles stärkte und freute.“ [...] „Ich bin durch sie beßer geworden.“ [...] „Mein Zutrauen zu ihr ist ganz unbedingt.“ (R 112)
Im übrigen bleibt er ein loyaler Mittler zwischen Caroline und seinem Bruder Wilhelm, den er gleichsam ermahnt, die so lange schon verehrte Caroline endlich zu heiraten: „Sind die Schwierigkeiten unüberwindlich, die Caroline oder Dich hindern einen Namen zu tragen, [...] mit einem neuen Namen würde sie eine neue Person annehmen, Karolines politische Lage würde dadurch ganz verändert werden.“ (R 122)
Im Februar 1794 verlässt Caroline Lucka, sie folgt der Einladung ihrer Freunde, der Familie Gotter in Gotha. Dort muss sie nun die bittere Erfahrung machen, dass man sie konsequent schneidet und diesen Boykott auch auf das Haus ihrer Gastgeber ausweitet.
„Wer kent mich wie ich bin, wer kann mich kennen“, so ihre Klage, „Man hält mich für ein verworfenes Geschöpf, und meint es sey verdienstlich, mich vollends zu Boden zu treten. [...] Um diese Situation zu überwinden, müßt ich wahrlich eine Zauberinn seyn.“ (D 225) In der öffentlichen Meinung reicht allein ihre frühere Verbindung zu Forster aus, um sie gleichermaßen als sittenlose Witwe wie auch als politisch fragwürdige gefährliche Person, als „Jacobinerweib“ zu verunglimpfen. Das geht so weit, dass ihr der Aufenthalt in Dresden und sogar in ihrer Heimatstadt Göttingen auf Dauer behördlich verboten wird. Ein Asyl findet Caroline mit Auguste im Jahr 1795 schließlich in Braunschweig, wo ihre Mutter und eine verheiratete Schwester leben. Dorthin kommt auch August Wilhelm Schlegel, dessen Aufgabe in Amsterdam beendet ist und der nun nach neuen Verdienstmöglichkeiten sucht. Die tun sich auf, als Friedrich Schiller ihn auffordert, nach Jena zu übersiedeln als Mitarbeiter bei Schillers Zeitschriftenprojekten; in Jena erscheint auch das damals maßgebliche Rezensionsorgan, die „Allgemeine Literaturzeitung,“ und die Universität kommt ebenfalls als mögliche Wirkungsstätte in Frage.
 „Ich kann ohne Liebe leben, aber wer mir die Freundschaft nimmt, der nimmt mir alles, was mir das Leben lieb macht.“ (D 53) „Kann man denn gar keinen Freund haben, ohne sich auf Leben und Tod mit ihm zu vereinigen.“ (Kl 143) Diese Sätze kennzeichnen Carolines Gefühlslage, als sie am 1. Juli 1796 mit August Wilhelm Schlegel in Braunschweig getraut wird. Freundschaft, Achtung, Dankbarkeit, der Wunsch nach Sicherheit für sich und ihr Kind sind auf ihrer Seite Motiv und Grundlage dieser Ehe.
Am 8. Juli 1796 trifft das Ehepaar Schlegel in Jena ein, und mit diesem Datum läßt man gemeinhin eine der aufregendsten Perioden der deutschen Literatur- und Geistesgeschichte beginnen, die Frühromantik oder Jenaer Romantik. In wechselnden Konstellationen begegnen sich hier junge Intellektuelle ganz unterschiedlicher Wissensgebiete, die - geprägt und motiviert von der politischen Zäsur der Französischen Revolution - voller Aufbruchsstimmung und Zukunftshoffnung ihre Zeit in allen Lebensbereichen verändern und neu gestalten wollen. Jena ist für einige Zeit Zentrum dieser intellektuellen Avantgarde, attraktiv durch seine fortschrittliche Universität, durch Schillers Wirken, durch die Nähe zu Weimar und damit zu Goethe. Das Haus der Schlegels wird zur Keimzelle für jenes Geflecht von Bekanntschaften, Geistesverwandtschaften, Freundschaften, Liebschaften, das mit zum „Lokalmythos“ der Jenaer Romantik gehört und das Substrat für die neuen Ideen über Gesellschaft, Staat, Philosophie, Kunst und Leben bildet.
Die Jenaer Honoratioren begegnen Caroline mit höflich distanzierter Neugier, aber natürlich weiß man auch in Jena um „Mainz und Königstein“ - diese beiden Ortsnamen bleiben an ihrer Vita haften wie Pockennarben in einem Gesicht. Caroline in ihrer redegewandten, temperamentvollen, selbstbewussten Art ist wohl auch keine Meisterin diplomatischer Zurückhaltung, Verstellung ist ihr unmöglich, und das macht nicht immer beliebt. Obendrein finden in diesen Umbruchsjahren heftige Debatten statt über Grundsatzfragen der Philosophie, der Ästhetik und Literatur. In den Zeitschriften der Zeit toben die Kämpfe mit Kritiken und Verteidigungen, Lobhymnen und giftigen Verrissen. Und da man sich zumeist persönlich kennt, werden aus intellektuellen Gegenpositionen oft scharfe private Kontroversen und kleinliche Animositäten. Schiller bricht nach einem Jahr die Zusammenarbeit mit August Wilhelm Schlegel ab, weil er sich durchaus zu Recht durch eine freche Kritik Friedrich Schlegels verletzt fühlt. Im Hause Schiller und bei seinen Anhängerinnen spricht man von Caroline bald nur noch als von dem „Übel“ oder der „Dame Luzifer“, wobei nicht geklärt ist, wer der Urheber dieser Bezeichnung ist. Von Caroline ist bekannt, dass sie Schillers Dichtungen wenig schätzt, sie sind ihr zu idealistisch, zu blutleer. Darüber hinaus ist das Verhältnis der Romantiker zu Schillers Gedankenkosmos insgesamt  ambivalent, sie verdanken seinen Theorien viel, wollen sich aber auch kritisch dagegen absetzen. Goethe dagegen gilt ihnen als der „Statthalter der Poesie auf Erden“, er hat es denn auch leichter, den jungen Feuerköpfen gegenüber freundliche Neugier und Souveränität zu wahren. Zu Caroline, die ihn seit ihrer Jugend verehrt, hat er ein unvoreingenommen freundliches Verhältnis.
Wie hat man sich nun - von den literarischen Fehden abgesehen - das Leben im Hause der Schlegels vorzustellen? In den ersten Jenaer Jahren durchweg harmonisch, intellektuell anregend, gesellig und arbeitsam. Wilhelms Hauptbeschäftigung neben seiner regelmäßigen Rezensionstätigkeit ist die Unternehmung, mit der er sich bleibenden literarischen Ruhm erworben hat, die Übersetzung der Dramen Shakespeares. Bislang hatte es nur Prosaübertragungen ins Deutsche gegeben, Schlegel hat den Ehrgeiz, möglichst getreu auch Rhythmus, Metrum und Reim zu erhalten. Caroline ist an diesen Übersetzungen aktiv beteiligt, das lässt sich an erhaltenen Manuskripten deutlich erkennen. Ihre guten Englischkenntnisse, ihre Belesenheit und ihr sicheres Sprachgefühl machen sie zur idealen Mitarbeiterin dieses poetisch ambitionierten Unternehmens. Abschrift und Endredaktion liegen meist in ihren Händen. „Wir sind fleißig und sehr glücklich“, so schreibt sie. „Seit Anfang des Jahrs komme ich wenig von Wilhelms Zimmer. Ich übersetze das zweite Stück Shakespear. Jamben, Prosa, mitunter Reime sogar.“ (D 58) Bis 1801 werden sechzehn Shakespearestücke übersetzt und publiziert.
Geselligkeit spielt eine große Rolle im Haus der Schlegels, und dabei bewährt sich Caroline nicht nur als gute Gastgeberin, sondern eben auch als gebildete und lebenserfahrene Gesprächspartnerin. Ihre Gästeliste liest sich wie das Who is Who dieser Epoche; manchmal, so berichtet sie in ihrer noch immer ausgiebigen Korrespondenz, sitzen bis zu 20 Personen an ihrem Mittagstisch. Der September 1799 bringt eine gravierende Veränderung. Friedrich Schlegel, der zuvor schon ein Jahr in Jena verbracht, zwischenzeitlich aber in Berlin gelebt hat, noch immer auf der Suche nach Berufsmöglichkeiten, kommt nun mit seiner Gefährtin Dorothea Veit geb. Mendelssohn nach Jena ins Haus der Schlegels. Dorothea ist gerade nach langen inneren und äußeren Kämpfen von ihrem ungeliebten Mann geschieden worden, wobei ihr der jüngste ihrer zwei Söhne zugesprochen wurde. Die Jenaer Wohngemeinschaft aus einem verheirateten und einem unverheirateten Paar sowie zwei Kindern aus früheren Ehen funktioniert zunächst sehr gut, man hat ein gemeinsames Projekt - die von den Schlegel-Brüdern herausgegebene Zeitschrift „Athenaeum“, an der auch beide Frauen mitarbeiten. Mit ihren wenigen Jahrgängen ist sie das literarische Manifest der Frühromantik. „Ein solches ewiges Conzert von Witz und Poesie und Kunst und Wißenschaft“, so schwärmt Dorothea in einem Brief nach Berlin. Aber die labile Harmonie zerbricht sehr bald, als sich die Konstellation erneut verändert. Schon Ende 1798 war ein junger Mann namens Friedrich Wilhelm Joseph Schelling nach Jena gekommen, mit gerade mal 23 Jahren erhielt er eine Professur für Philosophie. Nach außen hin eher spröde und verschlossen - „ein Granit“, so Carolines Einschätzung - wirkt er im Gespräch faszinierend und bezwingend durch die Entschiedenheit und Klarheit seiner Gedanken. Schelling ist von Carolines Persönlichkeit und Erscheinung schon beim ersten Zusammentreffen tief beeindruckt, Caroline fühlt sich von dem 12 Jahre Jüngeren je länger je intensiver angezogen. Wohl zum ersten Mal in ihrem Leben verliebt sie sich leidenschaftlich mit Herz, Kopf und allen Sinnen. Das bleibt schließlich weder im Hause noch in der Stadt Jena unbemerkt. August Wilhelm, der sich längst schon gewisse außereheliche Freiheiten herausgenommen hat, reagiert nach außen hin eher gelassen, tolerant oder resignativ. Hass und üble Nachrede erfährt Caroline von Seiten Friedrichs und Dorotheas in einem Ausmaß, das nur schwer erklärbar ist. Friedrich scheint sich gleichsam für seinen Bruder betrogen zu fühlen, vielleicht mit dem Gedanken, seinerzeit in Lucka zu edelmütig auf Caroline verzichtet zu haben. Obendrein ist Schelling sein überlegener und erfolgreicherer Konkurrent an der Universität Jena. Dorothea Veit ist von vornherein parteiisch, weil sie ihrem Geliebten kritiklos ergeben ist. Obwohl genauso gebildet und, was unkonventionelle Lebensführung anbelangt, ja auch ebenso mutig wie Caroline, fühlt sie sich dieser wohl von Anbeginn unterlegen, was weibliche Ausstrahlung, Charme und Selbstbewusstsein anbelangt. In dieser hoch angespannten Situation wird Caroline schwer krank; die damals übliche Therapie - Aderlass und schmerzerzeugende Senfpflaster - schlägt nicht an. Da schaltet sich Schelling ein, der ein Anhänger der neuen Brownschen Lehre ist. Die ist zwar nicht weniger dubios, stärkt aber zumindest manchmal die körpereigenen Heilkräfte. Caroline übersteht die Krise, zur endgültigen Genesung soll im Frühsommer 1800 eine Kur im fränkischen Bad Bocklet bei Bamberg verhelfen. Caroline erholt sich tatsächlich, aber im Juli erkrankt plötzlich die Tochter Auguste an der Ruhr, die damals fast unheilbar ist; auch der aus Bamberg herbeigerufene Schelling kann nichts mehr ausrichten, das 15jährige Mädchen stirbt. Der Schmerz der Mutter ist unbeschreiblich, und alle, die das Mädchen kannten und von ihrem Liebreiz bezaubert waren, betrauern ihren plötzlichen frühen Tod. Schelling, der Augustes Sterben „die schmerzlichste Begebenheit meines Lebens“ (R 193) nennt, verfällt in tiefe Depressionen; August Wilhelm schreibt: „[...]diesen Tod werde ich nicht aufhören zu beweinen. Auf die erste Nachricht habe ich geglaubt wahnsinnig zu werden;“ (R 193) er fährt zu Caroline, um ihr beizustehen. Seine Loyalität wird dringend gebraucht, denn die Trauer um Auguste, die auch Friedrich Schlegel und Dorothea empfinden, trägt nicht zur Versöhnung bei. Im Gegenteil. Von Jena aus werden allerlei infame Gerüchte gestreut, Augustes Tod sei nur die gerechte Strafe für den Ehebruch der Mutter, oder aber: Caroline habe Auguste mit Schelling verkuppeln wollen, um ihn um so stärker an sich zu binden. Schließlich wird Schelling öffentlich angeklagt, seine Behandlung habe den Tod des Mädchens verursacht. Erst August Wilhelms energisches Eingreifen macht diesen Unterstellungen ein Ende.
Wieder einmal muss Caroline nach einem Schicksalsschlag - und keiner hat sie so getroffen wie der Tod dieser Tochter - eine neue Lebensperspektive suchen. Die Trauer um dieses Kind bleibt bis an ihr Lebensende ein Leitmotiv ihrer Briefe. Es dauert drei Jahre, bis ihr Leben noch einmal in ruhigere Bahnen gerät. Sie kehrt zunächst nicht nach Jena zurück, wo alles sie an Auguste erinnern würde, sondern geht nach Braunschweig zu ihren Verwandten. August Wilhelm begleitet sie dorthin, beide arbeiten zunächst weiter an den Shakespeare-Übersetzungen. Schelling muss in Jena seinen Lehrverpflichtungen nachkommen.
Carolines Briefe aus dieser Zeit zeugen von einem tiefen inneren Zwiespalt. Die von außen erhobenen Schuldzuweisungen wegen Augustes Tod gehen an ihr und Schelling nicht spurlos vorüber. Caroline versucht gleichsam die Quadratur des Kreises. Selber in trostloser Stimmung, muss sie den völlig verzweifelten Schelling trösten und aufrichten. So versichert sie ihn immer wieder ihrer tiefen unerschütterlichen Liebe, gleichzeitig fordert sie aber zunächst eine merkwürdige Form des Verzichts:
„Ich bin die Deinige, ich liebe, ich achte Dich - ich habe keine Stunde gehabt, wo ich nicht an Dich geglaubt hätte, es sind Umstände gewesen, die deinen Glauben an mich trübten, es wird nun heller werden. Ich sehe Dich wieder, [...] Als Deine Mutter begrüße ich Dich, keine Errinnrung soll uns zerrütten. Du bist nun meines Kindes Bruder, ich gebe Dir diesen heiligen Seegen. Es ist fortan ein Verbrechen, wenn wir uns etwas anders seyn wollten“ (D 320). Wenig später: „ob ich mich freuen werde dich wieder zu sehn? Ja wahrlich mehr, wie ich dir sagen kann, eilt meine Freude schon der Zeit voraus, die uns noch trennt, und ich überlasse mich ihr jetzt ohne Furcht; ich bin so sicher in mir selber geworden, weil ich weiß, was ich will.“ (D 324) Es geht in den Briefen - und nur ihre sind erhalten - um Schuld, um Treue, Enttäuschung und Zweifel. Es scheint, als müsse sie sich gegen Vorwürfe und Absolutheitsansprüche Schellings wehren, ihr Liebeskonzept, ihre durch mehr Lebenserfahrung und Verzicht geprägte Vorstellung von Glück verteidigen. „[...] als Freund, als Bruder, als Sohn und Geliebten schließe ich dich an meine Brust, es ist wie das Geheimnis der Gottheit [...] so laß es uns denn endlich still und gläubig ansehen.“ (D 329)
„Ja, ich habe ein Verbrechen begangen, da ich mich der Liebe überließ, aber, was ihr Fesseln anlegte, war und ist heilig, und nicht ein Mangel an freyer Gesinnung und nicht eine Halbheit der Liebe. Willst Du mir nie verzeihen, daß die unwiederstehliche Neigung zu Dir sie durchbrach? Nichts ist unheilbar für Seelen wie die unsrigen, und ich war kühn, aber nicht frevelhaft. Vergieb mir. [...] Überdenke alles, mein Daseyn liegt in Deiner Hand. Verwirre mich nicht, fühle, daß ich dich liebe, daß Du meine einzige Freude bist. O Schelling, liebe mich, vertraue.“ (D 332)
Was Caroline meint, wenn sie schreibt „ich weiß, was ich will“, wird nirgends ausgesprochen. Sie möchte aber wohl die Beziehung zu Wilhelm, also diese partnerschaftliche Ehe, aufrecht erhalten; als Schlegel nach Berlin übersiedelt, um dort Vorlesungen zu halten, beschwört sie in regelmäßigen Briefen die alte Vertrautheit, das gemeinsame Interesse an der Literatur.
Aber die Sprache ihrer Briefe spricht für sich: die Briefe an Wilhelm sind gewohnt freundschaftlich, witzig, ironisch und vertrauensvoll. In den Briefen an Schelling aber tauchen ganz neue Töne auf, sie sind leidenschaftlich, zärtlich, poetisch und ernst - kurze Zitate können das kaum andeuten.
Im April 1801 wagt sich Caroline erstmals wieder nach Jena; sie findet dort die alte Wohnung verlassen und verwahrlost; umsonst hofft sie auf Wilhelms Rückkehr. Nach einigem Hin und Her fährt sie schließlich selbst nach Berlin, wo - was sie längst weiß - Wilhelm mit der unglücklich verheirateten Schwester des Dichters Ludwig Tieck zusammenlebt. Dort in Berlin wird im Mai 1802 der Entschluss gefasst, die Scheidung zu betreiben - damals kein leichtes Unterfangen. Es dauert ein weiteres Jahr, bis durch die diskrete Unterstützung Goethes die Scheidung des Ehepaars Schlegel durch Herzog Carl August bewilligt wird.
An ihre Gothaer Freunde schreibt Caroline daraufhin einen sechs Seiten langen Rechtfertigungsbrief: „Das Band der Ehe zwischen Schlegel und mir [ist] aufgehoben - das einer herzlichen Freundschaft und Achtung wird hoffentlich immer bestehen. [...] Kinder hätten unstreitig unsre Verbindung, die wir unter uns nie anders als wie ganz frei betrachteten, unauflöslich gemacht. Das sind die Seiten meines Geschicks, wo das Verhängniß eintritt und von keiner Verschuldung die Rede seyn kann. Dagegen hätte ich behutsamer seyn sollen die Heyrath mit ihm nicht einzugehn, [...]. Schlegel hätte immer nur mein Freund seyn sollen, wie er es sein Leben hindurch so redlich, oft so sehr edel gewesen ist.“ (D 364-6).
Am 22. Mai 1803 verlassen Caroline und Schelling Jena; sie reisen zu Schellings Eltern ins schwäbische Murrhardt, wo sie von Schellings Vater getraut werden. Von dieser Familie wird Caroline vorbehaltlos akzeptiert und geliebt. Schelling folgt einem Ruf an die Universität von Würzburg, wo die Schellings nun drei Jahre leben. Allerdings werden dorthin auch einige Jenaer Professoren berufen, es ist also dafür gesorgt, dass auch in Würzburg „Mainz und Königstein“ als Carolines Sündenfälle nicht vergessen werden, nun noch ergänzt durch die üble Nachrede wegen der Jenaer Zeit. Auch Friedrich Schlegel und Frau Dorothea beteiligen sich aus der Ferne am bösen Gespött, indem sie etwa makabre Vorschläge für einen Exorzismus gegen die „Dame Luzifer“ unterbreiten. Schelling wird schließlich 1806 nach München berufen. Dort ist das kulturelle Leben vielfältiger als in Würzburg, aber es fällt auf, dass Caroline immer wieder an die bewegten Jenaer Jahre erinnert und mit Bedauern konstatiert, wie die Gruppe der ehemals Gleichgesinnten zerbrochen ist: „Mein Kummer ist nur, daß sie alle miteinander nichts mehr dichten. - [...] Ach, wie sind jene von der Bahn abgewichen - Ich habe sie alle in ihrer Unschuld, in ihrer besten Zeit gekannt.“ (D 81) Sie selbst ist nicht untätig; von Schelling ermutigt, schreibt sie Rezensionen, vor allem aber ist sie die Dialogpartnerin seiner philosophischen Reflexionen und seine Sekretärin; sie schreibt seine fast unleserlichen Manuskripte für den Druck ins Reine. Und sie versendet weiter lange Briefe, in denen sie sich als wache Zeitgenossin erweist. Kritisch nimmt sie Anteil am politischen Geschehen, aber insgesamt ist ihr Leben nun in einer fast demütigen Weise ganz auf den geliebten Schelling hin ausgerichtet. Im Sommer 1809 besuchen beide wieder Schellings Eltern in Maulbronn. Von einer dreitägigen Fußwanderung kehrt Caroline erschöpft zurück, wenige Tage später, am 7. September 1809, stirbt sie an der Ruhr, wie die Tochter Auguste. Caroline Schelling wird in Maulbronn begraben. Sie ist 46 Jahre alt geworden.
Fast zwanzig Jahre später veröffentlicht August Wilhelm Schlegel, mittlerweile Literaturprofessor in Bonn, eine Sammlung seiner kritischen Schriften, in der Vorrede dazu schreibt er:
„Die in der Inhaltsangabe mit einem Sternchen bezeichneten Stücke sind nicht ganz von mir, sondern zum Theil von der Hand einer geistreichen Frau, welche alle Talente besaß, um als Schriftstellerin zu glänzen, deren Ehrgeiz aber nicht darauf gerichtet war.“ (zit. nach OE 183) So erfuhr die Nachwelt, dass etliche Rezensionen, zudem ein Aufsatz über Shakespeares „Romeo und Julia“ sowie Teile einer Abhandlung über Bilder der Dresdner Gemäldegalerie, nicht von August Wilhelm sondern von Caroline stammen. Von ihrer Mitwirkung an den Shakespeare-Übersetzungen war ja schon die Rede. Wie ist nun die Bemerkung zu werten, Caroline habe bei allem Talent nie den Ehrgeiz gehabt, als Schriftstellerin hervorzutreten? Die Frage ist schwer zu beantworten. Aus der Jenaer Zeit existiert eine Art Roman-Exposé aus Carolines Hand, die knappe Skizze zu einem Frauenleben, das deutlich autobiograpische Züge aufweist. In den erhaltenen Briefen findet sich jedoch keinerlei Bemerkung darüber, ob sie gerne geschrieben und publiziert hätte oder was sie davon abgehalten haben könnte. War es - bei aller inneren Autonomie - Scheu vor der Publizität, wo doch allein ihr Leben schon so viel öffentlichen Skandal erregt hatte und sie oft darunter gelitten hatte, „aus der weiblichen Sphäre der Unbekanntheit gerissen“ zu sein? (D 207) Es war vor allem Friedrich Schlegel, der in der Zeit vor dem Zerwürfnis Caroline immer wieder zum Schreiben ermutigt hat; er war ein rückhaltloser Bewunderer ihrer Briefe, ihrer Lust an geschliffenen Formulierungen, der Kunst, Gedanken zu Aperçus zu verdichten, Ereignisse als witzige Anekdoten darzustellen. Mit sicherem poetischen Instinkt erkannte Schlegel das Genre, durch das Caroline schließlich berühmt geworden ist - eben ihre Korrespondenz, die sich der ganzen Fülle des Lebens zuwendet, den Aufschwüngen wie den Abstürzen, ganz ohne Eitelkeit oder Larmoyanz. Diese Briefe, die nie zur Veröffentlichung gedacht waren, gelten mittlerweile längst als Literatur und zudem als hervorragende Dokumente, in denen man viel über den oft schwierigen Alltag wie auch die Sternstunden in der Jenaer Wohn-, Denk- und  Lebensgemeinschaft erfährt. Caroline erscheint darin als der lebenspraktische Mittelpunkt dieser „Geisterfamilie“, wie der Dichter Novalis - auch er ein Mitstreiter und häufiger Gast in Jena -  das antibürgerliche Lebensmodell im Schlegel-Haus nannte. Carolines Einfluss auf das Ideengefüge der Frühromantik konkret zu benennen, ist schwierig. Zentral dabei ist der Eindruck, den sie als autonome Person während der Zeit in Lucka auf den jungen Friedrich Schlegel ausgeübt hat, den späteren Haupttheoretiker der Frühromantik. Von Caroline war zu lernen, dass die Forderungen der Aufklärung und der Französischen Revolution nicht lebensferne Spekulationen oder bloße politische Utopien waren, sondern jedes einzelne Individuum angingen als Impulse zur Emanzipation, zur Befreiung aus überlebten Strukturen, als Appell zu selbst verantwortetem Leben. In der Begegnung mit Caroline gewann Friedrich aber nicht nur politisches Bewusstsein, sondern auch ein neues positives Frauenbild, eine Korrektur seiner eher frivolen studentischen Ansichten. Dass selbstbewusste Weiblichkeit, sinnliche Ausstrahlung und scharfer Verstand sich nicht ausschließen, dass Witz, Lebenslust, Leidenschaft, aber auch Verletzlichkeit und Zartheit des Gefühls, Pragmatismus und Phantasie sich harmonisch in einer Person vereinigen können, war an Caroline zu bewundern. „Die Ueberlegenheit ihres Verstandes über den meinigen habe ich sehr früh gefühlt, [...] daß ein Weib so seyn kann!“ (R 112) „Ich habe bei Weibern nie etwas von diesem Triebe nach dem Unendlichen gefunden“ (D 49) - so staunt und schwärmt er damals in Lucka.
Unter Carolines Einfluss beschäftigt sich Friedrich Schlegel mit den Frauengestalten der antiken Literatur, aber auch mit den Theoretikern der französischen Revolution und mit den Schriften des damals noch verfemten Georg Forster. Und er beginnt mit den Vorarbeiten für seinen später berühmt-berüchtigten Roman „Lucinde“, der neben anderen Motiven Modelle für einen neuen Umgang zwischen Mann und Frau entwirft. Nicht Konvention und Zwang zur Ehe, sondern liebende Zuneigung und freie Entscheidung sollen das Verhältnis zwischen Mann und Frau grundieren, wobei die Frau zugleich Geliebte, Freundin, intellektuell gleichwertige Partnerin sein soll. Die späteren Erfahrungen Schlegels in den Berliner Salons und die Begegnung mit seiner Geliebten Dorothea gehen in den Roman mit ein, unverkennbar aber enthält der Text in der Präsentation verschiedener Frauentypen auch ein schönes Porträt Carolines, eine geheime Huldigung, die den späteren hässlichen Dissens überlebt hat. Auch andere Texte aus der Jenaer Zeit erweisen sich als derart unvergängliche Dokumente einer Zeit des Aufbruchs, an der Caroline Anteil hatte: Da wird Theorie nicht in Form trockener Abhandlungen präsentiert, sondern als Gespräch, als Abbild einer lebhaften Unterhaltung geistreicher Individuen beiderlei Geschlechts, als Ausdruck einer virtuosen Gesprächskultur, wie sie sich im Haus der Schlegels manchmal ereignet haben mag.
Man hat diesen romantischen Avantgardisten vorgeworfen, die schönen Ideen von neuen Lebensformen, von geglückter Synthese aus Liebe, Leben, Kreativität verraten zu haben; sie scheiterten nicht nur an miserablen ökonomischen Bedingungen - in der Jenaer Zeit hatte kaum einer von ihnen ein sicheres Einkommen, - sondern auch an menschlichen Schwächen, die den hohen Idealen nicht gewachsen waren. Ihre Texte aber, in denen sie die auch heute noch vielfach uneingelösten Sehnsüchte und Träume von einem besseren Leben formuliert haben, sind uns geblieben.
Geblieben ist auch der Nachruf, den Carolines Ehemann Schelling ihr einige Monate nach ihrem Tod in einem bewegenden Brief an ihren Bruder gewidmet hat und mit dem ich schließen möchte:
„Sie war ein eigenes, einziges Wesen, man mußte sie ganz oder gar nicht lieben ... Wir waren durch die heiligsten Bande vereinigt, im höchsten Schmerz und im tiefsten Unglück einander treu geblieben - alle Wunden bluten neu, seitdem sie von meiner Seite gerissen ist. Wäre sie mir nicht gewesen, was sie mir war, ich müßte als Mensch sie beweinen, betrauern, daß dies Meisterstück der Geister nicht mehr ist, dieses seltne Weib von männlicher Seelengröße, von dem schärffsten Geist, mit der Weichheit des weiblichsten, zartesten Herzens vereinigt. O etwas der Art kommt nie wieder!“ (R 266-7)

ZITIERTE LITERATUR
KAROLINE SCHLEGEL: Briefe aus der Frühromantik. Nach Georg Waitz verm. hrsg. von Erich   
      Schmidt. 2 Bände, Leipzig 1913 (= KS)
CAROLINE SCHLEGEL-SCHELLING: Die Kunst zu leben. [Briefe] Mit einem Essay hrsg. von
      Sigrid Damm. Frankfurt 2005 (= D)
ECKART KLESSMANN: Das Leben der Caroline Michaelis-Böhmer-Schlegel-Schelling. 1763-1809.
      München 1979 (= Kl)
NORBERT OELLERS: Caroline Schelling, gesch.Schlegel, verw. Böhmer, geb. Michaelis. In: Dichter
      der Romantik. Ihr Leben und Werk. Hg. Benno von Wiese. Berlin 1983 (=OE)
BRIGITTE ROSSBECK: Zum Trotz glücklich. Caroline Schlegel-Schelling. Biographie.
      München 2009 (= R)
    

© Susanne Mittag, 2009

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Autorin