ALEXANDER VON OETTINGEN: FIKTIVES GESPRÄCH ZWISCHEN DEKAN HOLZHAUSEN UND LOUIS JACOBI

Plan der Erlöserkirche von 1868

Dekan Holzhausen: Hochverehrter Herr Jacobi, ich bin Ihnen sehr zu Dank verpflichtet, dass Sie meiner Bitte entsprochen und sich zu mir ins Pfarrhaus bemüht haben. Durch Gottes Fügung bin ich nun in diese schöne Kur- und Residenz-Stadt gekommen, darf in diesem neuen herrlichen Gotteshaus, das eben zu Trinitatis eingeweiht wurde, meinen Dienst aufnehmen, und Sie sind seit beinahe 4 Jahrzehnten Mitglied im Kirchenvorstand, wurden in den Kirchbau-Rath berufen und leiteten das 1894 gebildete Kirchbau-Kommittee; wer vermöchte es besser als Sie, mich über diese prächtige Erlöserkirche und ihre Entstehung zu unterrichten.

 

Louis Jacobi: Hochwürdiger Herr Dekan und Oberpfarrer Holzhausen, erlauben Sie mir in aller Bescheidenheit zu betonen, wir stehen da auf den Schultern unserer Vorfahren. Als um 1820 herum der damalige Schlossherr umfangreiche Restaurierungs- und Verschönerungsmaßnahmen  ins Auge fasste, war natürlich auch die Schlosskirche betroffen, und der damalige Landgraf fragte sich: wie sind eigentlich die Eigentumsrechte? Was gehört dem Schlossbesitzer, und was der Kirche? Also: wer darf was? und wer muss was bezahlen ?

 

Holzhausen: Ich habe in den Pfarrakten eine diesbezügliche sorgfältige Bestandsaufnahme vorgefunden, die  mein Vor-Vor-Vor-Vorgänger im Jahre 1869 angefertigt hat, Pfarrer Karl Ludwig Julius Groß, der hier von 1848 bis 1883 zunächst 7 Jahre als Stadt-, dann als Oberpfarrer gewirkt hat. Danach hat man 1825 und ergänzt 1827 einen Vertrag geschlossen, der konkret die Verhältnisse betreffend des Glockenturmes regelte, der aber auch eine Bestimmung enthielt, dass bei einem neuen Kirchbau die Gemeinde im Gegenzug ihre alten Rechte an der Schlosskirche dem Schlossherrn zu übertragen hätte.

 

Jacobi: Ihr Vor-Vorgänger, der hochwürdige Ernst Vömel, der hier seit 1876 zunächst 17 Jahre als Stadtpfarrer und bis 1899 als Oberpfarrer tätig war, hat mir seinerzeit diese Unterlagen zugänglich gemacht. Anlass war die Einführung neuer Grundbücher im Jahre 1895. Nun wollten es die preußische Staatsverwaltung, der Fiskus und die Domänenverwaltung die seit 1866 für die Landgrafschaft Homburg und für das Schloss zuständig waren, genau wissen. Graf Eulenburg, mit dem ich durch die Saalburg-Angelegenheiten bekannt geworden war, hatte mich um ein Gutachten gebeten.

Man hat dann in Berlin durchaus richtig verstanden, dass man mit Übernahme des Schlosses auch die Pflicht der Homburger Landgrafen geerbt hatte, der Gemeinde wieder zu einer eigenen Kirche zu verhelfen. In den 1870er Jahren, als die Neubaufrage erstmals öffentlich wurde – inzwischen war im Kirchbaufonds und beim Elisabethenverein schon ansehnliches Kapital gesammelt worden – hatte Preußen noch jede Rechtspflicht abgelehnt, aber immerhin ein königlich-kaiserliches Gnadengeschenk in Aussicht gestellt. Ich habe diese Linie aufgegriffen und vorgeschlagen, Seine Majestät der Kaiser und König mögen einen Bauplatz zur Verfügung stellen, dann könne mit dem vorhandenen Kapital, dass wir seit 1865 zu sammeln begonnen hatten, ein Neubau in Angriff genommen werden.

 

Holzhausen: Aus alten Plänen ist zu ersehen, dass es schon vor Ihrer Zeit immer wieder Standort-Vorschläge für eine neue evangelische Stadtkirche gegeben hat.

 

Jacobi: Das ist so. Der städtische Bau-Assistent Holler etwa hat in den 1860er Jahren Situations-Pläne vorgelegt, etwa da, wo heute der Darmstädter Hof liegt, die Kirche zu bauen. Ich habe das aufgegriffen und, weil die Kirche ja doch unbedingt größer als die katholische Marienkirche werden sollte, beispielsweise die Kirche in die Orangerie hinein gezeichnet, in einem Plan sogar als Rundkirche in den Orangeriegarten. Aber diese Pläne kamen nicht zum Tragen, teils weil der Darmstädter Hof dann nicht mehr zu erwerben war, teils, weil man doch die Eingriffe in Schloss und Garten nicht unbedingt wollte. Die Lösung ergab sich in Gesprächen mit Seiner Majestät dem Kaiser und Ihrer Majestät der Kaiserinmutter. Bei Durchsicht aller Grundstücke, die irgend im Eigentum einer staatlichen Stelle standen, fand sich eben jenes Eckgrundstück Dorotheenstraße – Löwengasse. Es war schlossnah, es lag an der Neustadt, und die Bedenken der Kreis- und der Forstverwaltung, die auf einer  Entschädigung für den Abriss ihres Verwaltungsgebäudes pochten, waren dadurch auszuräumen, dass man der Gemeinde eine Gnadengabe zusagte, mit der die Gemeinde den nötigen Ersatzbau finanzieren konnte.

 

Holzhausen: Wie sind Sie mit den Berlinern zurecht gekommen?

 

Jacobi: Nun, die Sache war eine Sache des Kaisers und der Bürgerschaft. Die neue Stadtkirche war ja im Grunde eine Residenz- und eine Stadtkirche. Es war gar nicht anders denkbar, als dass Männer aus dem Umfeld des Hofes Seiner Majestät mit der architektonischen und künstlerischen Gestaltung beauftragt würden. Sowohl mit dem königlichen Geheimen Baurat Spitta wie seinem Nachfolger Franz Schwechten habe ich gern und gut zusammengearbeitet; er redete mich zuweilen mit „Herr Oberkollege“ an; das sagt wohl alles. Im Übrigen war natürlich der „direkte Draht“, wenn ich mich so ausdrücken darf, vielleicht hier und da von Nutzen.

 

Holzhausen: Und der Kirchenvorstand ?

 

Jacobi: Nun, ich habe meine Aufgabe darin gesehen, zu vermitteln. Dass wir uns in der Frühphase nicht in Rechtsstreitereien verlieren, war mir wichtig. Besonders Delikat war die Regelung der Honorierungs-Angelegenheit Spitta, da einige dachten, die Entwurfsleistung geschehe ehrenamtlich. Schön war, dass die Berliner unseren Vorschlag aufgenommen haben, die Kirche zu unterkellern – das war im Entwurf Spitta zunächst nicht vorgesehen. Und es gab unter den Herren im Kirchenvorstand auch hier und da Bedenken – z.B. gegen Engelsfiguren auf der Vorderwand des Altars (dem wurde Rechnung getragen, wie man heute sehen kann), oder gegen die biblischen Symbolfiguren bei den Evangelisten im Apsis-Mosaik: das kam einigen zu apokalyptisch vor; aber auch das wurde geklärt.

 

Holzhausen: Ich habe das große Foto von der Einweihung gesehen und den Notizzettel, auf dem Sie Ihre Dankadresse an die Majestäten aufgeschrieben haben. Darin markieren sie noch einmal die Rolle des letzten Landgrafen – er gab das offizielle Signal für einen Kirchbaufonds; die Rolle der Majestäten – die Kaiserin war Protektorin, sodass ihr Kämmerer Freiherr von Mirbach als Organisator tätig werden konnte, der Kaiser war Förderer nicht nur in gestalterischer, sondern auch in administrativer und finanzieller Hinsicht; und die Rolle der Gemeinde, des Kirchenvorstandes, des Elisabethenvereins und der Bürgerschaft – sie hat über Jahrzehnte gesammelt und dadurch und durch ihren Willen die Basis für den Newubau geschaffen.

 

Jacobi: das war mir in der Tat wichtig, die verschiedenen Kräfte zusammenzuführen; es war die Gunst der Stunde, dass das erfolgreich war; und ich danke meinem Schöpfer, dass ich dazu einen Beitrag leisten durfte.

 

© Alexander von Oettingen 2010

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Autors