Wilhelm II. als Werbeträger? – Ein Zwischenruf von Gregor Maier

Werbeprospekt

Die Homburger lieben Wilhelm II. als „ihren“ Kaiser. Dazu haben sie auch allen Grund, denn der letzte Hohenzollernherrscher war ein großer Wohltäter für die Stadt: Ihm verdanken wir die Saalburg und die Gestalt etlicher Bauwerke, die das Bild der Stadt bis heute prägen. Seine regelmäßigen Aufenthalte im Schloss trugen wesentlich zur Blütezeit der Homburger Kur als renommiertes Fürstenbad mit internationalem Flair bei. Den Titel „Bad“ dagegen, dessen Verleihung vor hundert Jahren zur Zeit groß gefeiert wird, verdanken die Homburger nicht der Gunst des Kaisers, sondern der geschickten Politik des Regierungspräsidenten Wilhelm von Meister, wie Barbara Dölemeyer jüngst recherchiert hat. {1} Ungeachtet dieses letzten Punktes: Es ist unstrittig, dass Wilhelm II. einen wichtigen Anteil an der Blütezeit der Stadt Homburg und ihres Kurbetriebes hatte. Vor diesem Hintergrund ist es auch zu erklären, dass Bad Homburg heute eine der ganz wenigen deutschen Städte sein dürfte, in denen ein öffentliches Denkmal zu Ehren Wilhelms II. zu sehen ist (nämlich das ursprünglich 1913 zum silbernen Thronjubiläum errichtete, 1920 teildemontierte und 1982 neu ergänzte Denkmal im Jubiläumspark). {2}

 

Nun kommt es nicht von ungefähr, dass außer in Bad Homburg kaum Denkmäler für den letzten deutschen Monarchen erhalten geblieben sind. Denn Wilhelm II. gehört ohne Zweifel zu den problematischsten Gestalten unserer Geschichte. Seine lange Regierungszeit (1888–1918) markiert eine spannende, von außerordentlicher Dynamik geprägte Epoche in der deutschen Geschichte. Nur einige Stichworte: Blüte von Wissenschaft, Forschung und Technik, Ausbau der von Bismarck begründeten Sozialpolitik, Aufbruchsbewegungen in den Künsten – aber auch: Militarismus, ein gesellschaftliches Klima der Diskriminierung von Juden, Katholiken und Sozialisten, aggressive Rüstungs- und Außenpolitik, der Völkermord an den Herero und der Weg in den Ersten Weltkrieg, in die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (George F. Kennan). In welchem Maß Wilhelm II. persönlich an diesen Phänomenen Anteil genommen hat, das ist ein fruchtbares Arbeits- und kontroverses Diskussionsfeld für Historiker. Geradezu als Exponenten stehen sich hier die jüngsten großen Biographen Wilhelms II. gegenüber: John C. G. Röhl, der in seiner dreibändigen Biographie den Kaiser als starken Herrscher präsentiert, dessen persönlicher Einfluss auf die deutsche Politik – und damit auch dessen Schuld am Ersten Weltkrieg – sehr groß gewesen sei; und dagegen Christopher Clark, der davor warnt, Wilhelm II. zu überschätzen. {3}

 

Jeder einzelne ist aufgefordert, sich ein eigenes, ausgewogenes Urteil über Wilhelm II. zu bilden – wie es auch ausfallen mag: Als Sympathieträger ist Wilhelm II. sicher nicht geeignet. Wenn nun, wie geschehen, in einer deutschlandweit als Zeitungsbeilage vertriebenen touristischen Werbeschrift zum hundertjährigen „Bad“-Jubiläum mit einem prominent in Szene gesetzten Porträtfoto Wilhelms II. geworben wird, dann ist das eindeutig über das Ziel hinausgeschossen. {4} Hier wird nicht etwa der mitunter halbprivate, leutselige Landesvater gezeigt, wie er in Homburg aufgetreten und in zahlreichen Fotografien festgehalten ist; gegen ein Foto des Kaisers auf der Saalburg, beim Ausritt aus dem Schloss oder bei einer (Bad) Homburger Festivität wäre nichts einzuwenden gewesen, denn ein solches Bild hätte genau die Botschaft signalisiert, die wohl gemeint war: Homburg erlebte eine Blütezeit um 1900 – eine Blütezeit, die auch mit der besonderen Gunst Wilhelms II. zusammenhing.

 

Die Macher der Werbeschrift haben aber ausgerechnet ein Propagandafoto des Kaisers gewählt, das geradezu als Karikatur des „hässlichen Deutschen“ Verwendung finden könnte. Wilhelm II. in Marineuniform, das Fernrohr unterm Arm, den Feldherrenblick in die Ferne gerichtet – das ist ein Bild, das die unbestrittenen Schattenseiten seiner Regierung symbolisiert: die aggressive Außenpolitik mit dem Versuch, ein deutsches Kolonialreich zu schaffen, und mit einem überzogenen maritimen Rüstungsprogramm, um Großbritannien die Vorherrschaft auf den Weltmeeren streitig zu machen. Und ausgerechnet dieser Wilhelm II. wird als Reklamefigur für Bad Homburg verwendet – auf einer Doppelseite gemeinsam mit Goethe, Kleist und Eduard VII. mit Homburg-Hut! Der Wilhelm II., der hier für Bad Homburg wirbt, ist genau derjenige, der Deutschland in den Ersten Weltkrieg geführt hat. Im Sinne der europäischen Freundschaft kann eigentlich nur gehofft werden, dass die in Rede stehende Broschüre nicht auch international vertrieben wird.

 

Um es noch einmal klar zu sagen: Es geht nicht darum, Wilhelm II. zu verdammen; erst recht geht es nicht darum, seine Bedeutung für Homburg kleinzureden. Im Gegenteil: Gerade die wilhelminische Epoche in der Stadtgeschichte verdient besondere Aufmerksamkeit. {5} Aber der hier geschehene werberische Missgriff, einen Kriegsherrn als touristische Reklamefigur zu verwenden, kann nicht unwidersprochen bleiben. Es wäre schön, wenn das Jubiläum des „Bad“-Titels einen Anstoß dazu geben könnte, sich einmal ausführlich mit Wilhelm II. und seiner ambivalenten Rolle in der „großen“ Welt- wie in der „kleinen“ Stadtgeschichte zu beschäftigen. Schließlich laufen in ganz Europa bereits die Vorbereitungen zum 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs 1914; in diesem Zusammenhang gibt es viel Stoff und viele gute Anlässe, über Wilhelm II. und die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts in Ruhe und in sorgfältigem Abwägen nachzudenken.

 

Anmerkungen:

{1}Barbara Dölemeyer, Wie und warum erhielt Homburg vor der Höhe den Zusatz „Bad“?, in: www.geschichtsverein-hg.de/publikationen/kleine-beiträge (17.04.2012); siehe den anschließenden Beitrag auf dieser Seite.

{2} Gerta Walsh, Denkmäler in Bad Homburg. Geschichten rund um berühmte Denkmäler der Kurstadt, Frankfurt a. M. 2003, S. 55f.

{3}John C. G. Röhl, Wilhelm II., 3 Bde., München 1993–2008; Christopher Clark, Wilhelm II. Die Herrschaft des letzten deutschen Kaisers, München 2008.

{4} 100 Jahre Bad Homburg v. d. Höhe [Beilage zur Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 15.04.2012], S. 5.

{5} Vgl. Gregor Maier, Rez. zu Barbara Dölemeyer, Louis Jacobi und seine Zeit, in: Unser Homburg 53 (2011), S. 8ff.

 

© Gregor Maier M. A.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors