Wie und warum erhielt Homburg vor der Höhe den Zusatz „Bad“?

Wie und warum erhielt Homburg vor der Höhe den Zusatz „Bad“?

 

von Barbara Dölemeyer

 

Die Vorgeschichte und Begründung des Jubiläums „100 Jahre ‚Bad' Homburg" ist nicht so einfach mit der „Gnade" des Kaisers zu erklären, wie dies gelegentlich geschah. Wie kam es wirklich dazu?

 

Endlich „Bad Homburg" - die offiziellen Verlautbariungen im Amtsblatt (Kreiszeitung) und im Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Wiesbaden Nr. 48 (28. November 1912),S. 454 (Nr. 1015).

 

- siehe Bilder 1 + 4

 

Die rechtliche Grundlage war eine schlichte landespolizeiliche Anordnung, „dass dem Namen der Stadt Homburg vor der Höhe … das Wort ‚Bad’ vorgesetzt wird“. Es ist kein aufwendiges Dokument, etwa mit der Unterschrift Wilhelms II., nein, das Resultat eines Verwaltungsakts {1}

 

- siehe Bild 2

 

Es war aber ein langer mühsamer Weg dorthin. Immerhin hat die „Allerhöchste Zustimmung“ für die Umbenennung eine Rolle gespielt, denn das Innenministerium, dem generell die Genehmigung der Änderung von Städtenamen oblag, war zunächst dagegen gewesen. Aus den Akten im Geh. Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (Berlin-Dahlem) geht hervor, wie die Umänderung eines Städtenamens, hier durch den Zusatz „Bad“ vor sich ging. Der Magistrat hatte 1911 diesen Antrag gestellt, obwohl bereits 1893 und 1895 entsprechende Anträge des Homburger Kurvereins abgelehnt worden waren. Wesentlich für die positive Entscheidung war aber – und das ist bislang nicht so bekannt – der große Einsatz des damaligen Regierungspräsidenten in Wiesbaden, Dr. Wilhelm von Meister. Er hatte bekanntlich eine enge Beziehung sowohl zu Homburg als auch zum Kaiserhaus. 1894 wurde er auf Empfehlung von Victoria Kaiserin Friedrich Landrat des Obertaunuskreises, 1903 kam er als Vortragender Rat (etwa: Staatssekretär) ins Preußische Innenministerium (einer Versetzung nach Kassel hatte sich seine Frau Leila von Meister heftig widersetzt) und 1906 wurde er Regierungspräsident in Wiesbaden (doch den Sommer verbrachte die Familie von Meister weiterhin in der großzügig umgebauten Villa in Homburg). {2}

 

- siehe Bilder 3 + 5

 

Als der Innenminister den Antrag des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung der Stadt Homburg vor der Höhe vom 20.9.1911 auf den Zusatz „Bad“ wieder abgelehnt hatte (17.6.1912), {3}, bat RP von Meister um die Gelegenheit zum mündlichen Vortrag und legte eine umfangreiche Begründung vor. {4} Wie in den meisten ähnlichen Fällen, wenn Städte den Zusatz „Bad“ beantragten, ging es vor allem um die Frage der Verwechslungsgefahr, um postalische Bezeichnungen etc. Die Akte des Innenministeriums 1910-1931 enthält zahlreiche solche Vorgänge von Bramstedt über Flinsberg bis Salzschlirf und Suderode etc. Zu reinen „Reklamezwecken“ sollte eine „Bad“-Benennung nicht dienen können. In dieser sehr aufschlussreichen Begründung von Meisters werden sämtliche Argumente für und wider abgehandelt. Besonders ging er auch darauf ein, dass Landgraf Ferdinand sich 1864 ausdrücklich in einer Verordnung dagegen gewandt hatte, „dass … zur Bezeichnung der hiesigen Stadt in geflissentlicher Ableugnung ihres geschichtlichen Ursprungs und ihrer mehrhundertjährigen Eigenschaft als Residenz des Landgräflich Hessischen Fürstenhauses, die nirgends sanktionirte Benennung ‚Bad’ Homburg willkürlich gebraucht wird“. {5} Zu bemerken ist hier, dass sich Heinrich Jacobi unter Bezug auf diese Verordnung heftig gegen die „Bad“-Bezeichnung aussprach – sein Brief befindet sich in den Akten des Geheimen Zivilkabinetts des Kaisers, die als Gegenüberlieferung für die Akten des Innenministeriums heranzuziehen sind. {6} 

 

Von dieser ausführlichen Darlegung des RP von Meister nun doch überzeugt, trat der Innenminister Johann von Dallwitz dessen Ansicht bei. Doch musste noch die Allerhöchste Willensmeinung eingeholt werden, zumal – und das ist auch nicht so bekannt – es der Wille des Kaisers selbst gewesen war, der den Antrag des Kurvereins von 1895 hatte scheitern lassen. {7} Nun gab Kaiser Wilhelm doch seine Allerhöchste Zustimmung, nachdem der Minister des Innern (26.10.1912) sich beim Chef des Geh. Zivilkabinetts (von Valentini) vergewissert hatte: „Ich (i.e. Innenminister, B.D.) habe mich vorerst nicht zu überzeugen vermocht… In der Annahme daß der erstrebte Zusatz „Bad“ vielmehr lediglich Reklamezwecken dienen solle, die aber grundsätzlich nicht als ausschlaggebend für Änderungen dieser Art angesehen werden, habe ich daher eine Weiterverfolgung dieses Antrags abgelehnt. Der RP in Wiesbaden hat nunmehr den Antrag der Magistrats wiederholt… Auch die Oberpostdirektion in Frankfurt am Main hat sich … dahin geäußert, daß die Einführung der Bezeichnung ‚Bad Homburg vor der Höhe’ oder ‚Bad Homburg’ – letzteres würde nicht in Frage kommen können – vom postalischen Standpunkt aus erwünscht erscheine. Unter diesen Umständen würde ich nicht abgeneigt sein, meinen ablehnenden Standpunkt aufzugeben und mich mit der landespolizeilichen Genehmigung zur Einführung der Bezeichnung ‚Bad Homburg vor der Höhe’ nunmehr einverstanden zu erklären. Einer Allerhöchsten Genehmigung bedarf es in diesem Falle zwar nicht. Mit Rücksicht darauf jedoch, daß S.M. in dieser Angelegenheit bereits eine Allerhöchste Willensmeinung kundgegeben haben, auch die besondere Beziehung S.M. zu Homburg vor der Höhe ein All. Interesse an der Frage vermuten lassen, bitte ich Euere Exzellenz ergebenst, bei S.M. diese Angelegenheit gelegentlich zur Sprache zu bringen und mir demnächst mitteilen zu wollen, ob bei S.M. noch jetzt Bedenken gegen die erbetene Hinzufügung des Zusatzes „Bad“ vor den Namen der Stadt Homburg vor der Höhe bestehen.“

 

Darauf am Rande (Bleistift): S.M. sind einverstanden, daß dem Antrage der Stadt neuestens stattgegeben wird, 4.11.1912. Daraufhin verständigte das geh. Zivilkabinett den Innenminister: „Ew. Exzellenz beehre ich mich auf das gefällige Schreiben vom 26.v.M. … ganz ergebenst mitzuteilen, daß S.M. der Kaiser und König Allerhöchst sich damit einverstanden zu erklären geruht haben, daß den Anträgen der Stadt Homburg v.d.H. auf Abänderung ihrer bisherigen Bezeichnung „Homburg vor der Höhe“ in „Bad Homburg vor der Höhe“ nunmehr stattgegeben wird.“ Die Anordnung ging dann vom Innenministerium direkt an den Regierungspräsidenten in Wiesbaden (nicht über den Oberpräsidenten in Kassel), der dann die landespolizeiliche Anordnung vom 22. November 1912 erließ, publiziert im Amtsblatt der Kön. Regierung zu Wiesbaden (28.11.1912):  „Die im Obertaunuskreise gelegene Stadt Homburg vor der Höhe wird von jetzt ab ‚Bad Homburg vor der Höhe’ genannt. Wiesbaden 22. November 1912. Der Regierungs-Präsident v. Meister“. Dies wurde dann auch in der Kreis-Zeitung für den Obertaunuskreis bekannt gemacht. Deshalb ist das Datum unseres Jubiläums der 22. November.

 

Homburg vor der Höhe verdankt es schließlich in erster Linie der Hartnäckigkeit des Regierungspräsidenten Dr. Wilhelm von Meister, dass es doch zum „Bad Homburg v.d. Höhe“ wurde. Die Ehre gebührt ihm. In gewisser Weise ist auch dieser Vorgang ist direkt oder indirekt mit dem Aspekt „Fürstenbad“ verbunden.

 

Anmerkungen

Abkürzung: GStAPK = Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (in Berlin-Dahlem)

 

{1} Der Minister des Innern an den Herrn Regierungs-Präsidenten in Wiesbaden, Berlin, den 14 November 1912: „Auf den Bericht vom 28. August d.J. (Pr I/3C 1905) will ich mich nunmehr ausnahmsweise damit einverstanden erklären, dass dem Namen der Stadt Homburg vor der Höhe im Wege landespolizeilicher Anordnung das Wort „Bad vorgesetzt wird. Ew. pp überlasse ich ergebenst die weitere Verfügung.“ (GStAPK, I HA Rep. 77 Ministerium des Innern, Tit. 311, Nr. 262 C Bd.1).

{2} Leila von Meister, Erinnerungen an Gestern, übersetzt von Kurt Reinhuber, mit einer Einl. von Gerta Walsh, in: MittGVHG 53 (2004), S. 13-70, hier S. 14 ff.

{3} „Auch unter Berücksichtigung des in dem gfl. Bericht angeführten sehe ich mich mangels eines hinreichenden Bedürfnisses nicht in der Lage, den Antrag auf Umänderung des Namens ‚Homburg v.d. Höhe’ in ‚Bad Homburg v.d. Höhe’ an All. Stelle zu befürworten. Euerer Exzellenz überlasse ich ergebenst den Magistrat der Stadt Homburg v.d. Höhe hiervon in Kenntnis zu setzen.“

{4} GStAPK, Innenministerium (wie Anm. 1), fol. 37 ss.

{5} Reg.Blatt vom 10.7.1864, Archiv der Landgräflich Hessischen Gesetze und Verordnungen 1816-1866, Homburg v.d.H. 1867, S. 940.

{6} Geh.StAPK I.HA Rep. 89, Geh. Zivilkabinett, Nr. 14657, Stadt Homburg v.d. Höhe 1868-1913, fol. 185 Verwaltung des Saalburgmuseums (H. Jacobi) Brief 25.1.1912.

{7} GehStAPK, Innenministerium (wie Anm. 1), Fol. 27: RP in Wiesbaden 28.5.1912 an Minister des Innern, betr. Benennung der Stadt Homburg v.d.H.

 

Barbare Dölemeyer

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin


Barbara Dölemeyer: Dr. Eduard Christian Trapp

Dr. Eduard Christian Trapp – einer schreibt vom andern ab

 

von Barbara Dölemeyer

 

Das 2012 gefeierte Jubiläum „100 Jahre ‚Bad’ Homburg“ gibt der Stadt und der Kur Anlass zu allerhand öffentlichkeitswirksamen Aktionen, vom Hohenzollernbesuch über die Kurhausverhängung bis zu Popkonzerten und weiteren Publikumsattraktionen. Daneben sollte der Gedenktag aber auch Anlass für eine verstärkte Befassung mit den Quellen sein – dies im doppelten Wortsinn: Die Geschichte der Homburger Mineralquellen und des Badebetriebs ist keineswegs in allen Facetten so gut erforscht wie man annehmen möchte. Man könnte z. B. denken, über den Arzt Dr. Eduard Christian Trapp, eine für die Entwicklung Homburgs vom kleinen Residenzstädtchen mit ca. 3.500 Einwohnern zu einem international bekannten und besuchten Modebad und Fürstenbad zentrale Gestalt, hätten seine Biographen das Wichtigste geschrieben. Dem ist aber nicht so: weder Heinrich Jacobi, noch Eduards Enkel Dr. August  Trapp, noch Otto Renkhoff in seiner „Nassauischen Biographie“ bis hin zu den jüngsten Veröffentlichungen über die Familie Trapp, niemand hat sich mit einer wesentlichen Voraussetzung seines Wirkens, dem Medizinstudium, sorgfältig befasst. Einer schreibt vom andern ab: Er habe in München, Wien, wahlweise auch in Heidelberg und Würzburg studiert. Für Würzburg und Heidelberg ist jedenfalls eine offizielle Immatrikulation auszuschließen: die gedruckten Matrikeln dieser Universitäten verzeichnen zahlreiche andere Trapps, ihn aber nicht. Selbst Eduard Trapps 8-monatiger Studienaufenthalt in Paris, der im Bad Homburger Stadtarchiv mit interessanten Studentenausweisen etc. dokumentiert ist, fand bei den Biographen Aufmerksamkeit, nicht aber das wirklich entscheidende Studium an der hessen-darmstädtischen Landesuniversität Gießen, deren Besuch für die Anstellung in Regierungsdiensten notwendig war.

 

Eduard Trapps Immatrikulation an der Giessener Ludoviciana (16.4.1822) ist aber durchaus aktenkundig und sogar in Druckwerken verzeichnet. Er erhielt auch eine Bestätigung des akademischen Disziplinargerichts Gießen darüber, dass er „sich während seiner Studienzeit eines gesitteten und untadelhaften Lebenswandels befleißigt habe“. Auch seine – nur achtseitige – Dissertation „Thesen aus der gesammten Heilkunde, welche den 20.4.1827 zur Erlangung der Doctorwürde in der Medizin, Chirurgie und Geburtshülfe öffentlich vertheidigen wird Eduard Christian Trapp aus Giessen“ ist in einem gedruckten Dissertationenverzeichnis zu finden. Am 20.4.1827 erfolgte denn auch die Promotion zum Dr. med. Trapp. Fünf Jahre später hat er sich dann auch in Gießen mit einer Arbeit über „Die Cholera“ habilitiert (7.6.1832), ebenfalls in Gießen im Verlag Heyer 1832 gedruckt. Er wurde am 9.2.1833 zum außerordentlichen Professor der Chirurgie an der Ludoviciana ernannt, wechselte aber bald nach Homburg.

 

Der Bericht über Trapps „Cholera-Reise“ wird von den Biographen immerhin ausführlich gewürdigt: Die hessische Regierung suchte 1831 Freiwillige, die in die Choleragebiete in Osteuropa fahren sollten, um wissenschaftliche Erkenntnisse über die dort grassierende Epidemie „Cholera asiatica“, den Krankheitsverlauf und mögliche Schutzvorkehrungen für ihre eigene Bevölkerung zu sammeln. Trapp unternahm die Reise und kehrte mit wichtigen Erkenntnissen zurück, die er in einem Bericht dem großherzoglichen Minister Du Thil vorlegte. Auch dies muss man in den Zeitzusammenhang stellen: Im Lichte der revolutionären Bestrebungen des Vormärz prägten deren Protagonisten das Bild einer nur autoritären und reaktionären großherzoglichen Regierung, die sich um die Bürger wenig kümmerte. Dass zu diesen politischen Aktivisten auch Eduard Christians Bruder Hermann gehörte, der nicht nur die Lebensdaten 1813-1837, sondern auch die politischen Ansichten mit Georg Büchner teilte, dessen Schulfreund er war, ist eine interessante Verbindung.

 

1833 wurde Eduard Christian Trapp dann von Landgraf Ludwig von Hessen-Homburg als 2. Physikatsarzt angestellt und zum Medicinalrath ernannt, was er einerseits eben der Absolvierung des Studiums und der Graduierung an der Landesuniversität Gießen, andererseits seiner Verbindung mit Marie von Hofmann, der Tochter des Geheimen Rats und späteren großherzoglichen Finanzministers August Conrad von Hofmann verdankte. Am 31.10.1837 wurde er dann zum „Brunnen- und Badearzt“ ernannt. Seine weitere Tätigkeit zum Wohle des aufstrebenden Badeortes ist recht gut dokumentiert. Aber im Stadtarchiv wird noch viel aufschlussreiches Material für den aufmerksamen Forscher bereitgestellt, das – etwa durch die umfangreiche Korrespondenz Trapps mit seinem Schwiegervater Hofmann über Fragen der Quellennutzung  und des Kurbetriebs – weiteres Licht auf die Entwicklung des „Bades“ Homburg werfen kann.

 

© Barbara Dölemeyer

Bad Homburg, 15. März 2012