Die Häuser Dorotheenstraße 8-12

Wir gehen nun weiter die Dorotheenstraße hinab: neben Sinclairs Wohnhaus folgen die Häuser 8 und 10, beide sind in unserem Zusammenhang von Interesse.

Die Nummer 8 beherbergte seit den 1730er Jahren die aus Zweibrücken nach Homburg gekommene Familie der landgräflichen Leibärzte und religiösen Separatisten Kämpf (Kaempf). Ein Spross dieser Familie war Wilhelm Ludwig Kaempf (Kämpf) (1765-um 1811) ein Vetter von Sinclairs und Hölderlins Freund Franz Wilhelm Jung; auch er gehörte zu den sog. „Hofdemokraten“, einer Gruppe von landgräflichen Beamten, die aus ihrer republikanischen Gesinnung kein Hehl machten, aber lange vom Fürsten „toleriert“ wurden. Er studierte Jura, wurde 1787 Stadtkonsulent; 1791 Assessor; 1794 allerdings wurde er als zu revolutionär vom Landgrafen entlassen, ging dann nach Stuttgart, wo er Kontakte mit württ. Oppositionellen hatte. Diese Kontakte brachten ja 1805 auch Sinclair und dadurch mittelbar Hölderlin in Verdacht, gegen den Kurfürsten konspiriert zu haben.

 

Und dieses Faktum führt geradewegs in das Haus Dorotheenstraße 10:

 

In diesem Haus, erbaut 1716 durch Zacharias Müller, befand sich bis 1829 die zweitälteste Homburger Apotheke: die Hofapotheke zum Schwanen. Für Hölderlin spielte der damalige Inhaber Georg Friedrich Karl Müller (1761-1811) eine nicht unwichtige Rolle: er war als Dr. med. „Stadt- Land-Physikus“ (eine Art Amtsarzt) und Leibarzt der landgräflichen Familie; daneben 1787-1811 Leiter der Hof-Apotheke (heute wäre das natürlich nicht möglich). Er behandelte Hölderlin, der über ihn 1800 an seine Mutter:  Am hiesigen Arzte habe ich … eine gar gute Bekanntschaft gewonnen, es ist ein immer heiterer, treuherziger Mann, der einen wenigstens auf Augenblicke schon durch sein gesundes menschenfreundliches Gesicht heilen kann. Er ist der Mann für alle Hypochonder.“

 

Später sollte Dr. Müller durch sein Gutachten 1805 entscheidend dazu beitragen, dass der Dichter nicht in das württembergische Untersuchungsverfahren gegen Sinclair verwickelt wurde. Er kannte den Dichter bereits von seinem ersten Aufenthalt und fand ihn 1804/05 sehr verändert vor:

„…daß genanter Magister Hoelderlin im Jahr 1799 schon, als er sich hier aufhielte, stark an hypochondrie litte ... Von der Zeit an hörte ich nichts mehr von ihm bis im vergangenen Sommer, wo er wieder hier her kam, und mir gesagt wurde „Hoelderlin ist wieder hier allein wahnsinnig“. … Wie erschrak ich aber als ich den armen Menschen so sehr zerrüttet fande, kein vernünftiges Wort war mit ihm zu sprechen, und er ohnausgesetzt in der heftigsten Bewegung. … Und nun ist er, so weit daß sein Wahnsinn in Raserey übergegangen ist, und daß man sein Reden, das halb deutsch, halb griechisch, halb Lateinisch zu lauten scheinet, schlechterdings nicht mehr versteht.“

Es gibt einen Eintrag in Gernings Tagebuch aus dem Juni 1800, den die Hölderlinforscher, die ja allen Daten und Namen akribisch nachgehen, nicht auflösen konnten: „Den redlichen Zinck hab‘ ich getröstet und hin soll ich kommen, daß er mich Hölderlin, Horst und Sinclair zeigen kann.“  Hölderlin und Sinclair kennen wir ja, aber wer war Horst? Diesen habe ich nun tatsächlich identifizieren können. Christian Tobias Horst, 1772-1849, war in der Homburger Regierung als Assessor, später Justizrat tätig; versiegelte zusammen mit Kammerrat Mosengeil nach Sinclairs Verhaftung am 1.3.1805 dessen Papiere. Er betätigte sich auch als juristischer Autor. [Außerdem war mit dem Kammerrat F.E.F. Bausch verschwägert, den wir noch kennenlernen]. Hier Horsts Unterschrift. Aus diesen kurzen Bemerkungen kann man nicht allzuviele Schlüsse über den Grad der Bekanntschaft ziehen, aber sie zeigen doch, dass Hölderlin auch mit „einfachen“ Homburger Bürgern und Beamten Umgang hatte.

Später gehörte das Haus der Hofdame Louise de Sinclair, deren Tochter Gustavie, Hofdame der Prinzessin Auguste wir die schönen Ansichten von Schloss und Stadt Homburg um 1815 verdanken, die ich eingangs gezeigt habe. Die Verwandtschaft der beiden Damen mit Isaac von Sinclair hat auch schon viele Biographen beschäftigt. Sie war wohl eher entfernt. Peter Lingens und ich haben darüber im Mitteilungsheft des GVHG geschrieben.

 

Weiterlesen: Die Häuser Dorotheenstraße 34-38