Hölderlins Häuser

 

von Gregor Maier

Im nächsten Jahr steht der 250. Geburtstag Friedrich Hölderlins an. Dieser Tage war in der Presse zu lesen, dass in Nürtingen ein heftiger Konflikt über das dortige Hölderlinhaus ausgetragen wird – das Elternhaus Hölderlins, in dem er aufgewachsen ist. Von 1774 bis zum Wegzug seiner Mutter 1798 war das Haus Hölderlins Heimat, wo erste Gedichte entstanden und wo er auch später immer wieder Zuflucht fand. In einem Brief schreibt er 1792: „Ich hab es ja noch immer gezeigt, wie wol mir der Mamma Brod schmekt, u. da ist leicht geschehen, daß man draußen das Heimweh kriegt“. Die Stadt Nürtingen will das Haus jetzt entkernen, aufstocken und der Volkshochschule zur Verfügung stellen. Der Verein „Hölderlin-Nürtingen“ dagegen, der schon vor zwölf Jahren einen bereits beschlossenen Abriss des Hauses verhindern konnte, kämpft für eine behutsame Sanierung, um diesen Erinnerungsort so authentisch wie möglich zu erhalten. Der Streit ist so weit eskaliert, dass der Verein eine Aufsichtsbeschwerde gegen die Denkmalbehörde eingelegt hat, weil diese die Planungen der Stadt gebilligt hat.

Dieser Streit mit offenem Ausgang erinnert ein wenig an das traurige Schicksal der drei Hölderlin-Häuser in Bad Homburg, von denen kein einziges mehr existiert. Die erste hiesige Wohnung des Dichters befand sich im Haus des Glasers Johann Georg Wagner in der Haingasse. Sie ging „gegen das Feld hinaus, [ich] habe Gärten vor dem Fenster und einen Hügel mit Eichbäumen, und kaum ein paar Schritte in ein schönes Wiesthal“ – so schildert Hölderlin das Domizil. Im Wagnerschen Haus lebte und arbeitete er von 1798 bis 1800, nachdem er seine Hauslehrerstelle in Frankfurt wegen seiner Liebesbeziehung zu Susette Gontard, seiner Dienstherrin, überstürzt hatte verlassen müssen. Dieses erste Wohnhaus wurde bereits in den 1820er Jahren, also noch zu Hölderlins Lebzeiten und lange, bevor man sich seiner Bedeutung im Klaren war, abgerissen.

Auch seine letzte Wohnung in Homburg hatte der Dichter in der Haingasse. Im Frühsommer 1805 zog er in das Haus des Sattlermeisters Johann Heinrich Lattner. Dort lebte er bis zu jenem denkwürdigen 11. September 1806, als der wahnsinnig gewordene Dichter nach Tübingen abtransportiert und dort in die Obhut der Psychiatrie gegeben wurde. Das Haus war seit 1943 – dem 100. Todestag Hölderlins – durch eine Gedenktafel als Wohnung des Dichters markiert. Dennoch fiel es 1961 dem Abrissbagger zum Opfer. Einige Bürger um den Kunsthistoriker und „Frankfurter Altstadtvater“ Fried Lübbecke protestierten ebenso energisch wie erfolglos. Nur die Erinnerungstafel wurde gerettet – sie hängt heute im städtischen historischen Museum.

Bevor Hölderlin zu Lattner in die Haingasse zog, wohnte er rund ein Jahr – seit Juni 1804, als ihm Isaak von Sinclair die Stelle eines Hofbibliothekars in Homburg verschafft hatte – im Haus des Uhrmachermeisters Charles Frédéric Calamé in der Homburger Neustadt. Das Schicksal dieses Hölderlinhauses – Dorotheenstraße 34 – ist geradezu dramatisch. Im Zusammenhang mit Besitzerwechseln stand bereits in den 1970er Jahren der Abriss des Hauses auf der Agenda. Dagegen formierte sich jedoch entschlossener Widerstand, um wenigstens dieses letzte verbliebene Homburger Hölderlin-Haus noch zu erhalten.

Es entstand eine eigene Bad Homburger Sektion der Hölderlin-Gesellschaft und eine Bürgerinitiative „Rettet das Hölderlin-Haus“. Zunächst sah es gut aus: 1981 kaufte die Stadt das Gebäude – es schien tatsächlich gerettet. Was dann aber folgte, war ein Trauerspiel. Es gelang der Stadt nicht, ein tragfähiges Nutzungs- und Sanierungskonzept zu entwickeln. Das Haus verfiel mehr und mehr, bis das Landesamt für Denkmalpflege schließlich den Denkmalschutz des Gebäudes aufhob.

Als das am 27. Oktober 1983 öffentlich bekannt wurde, schuf die Stadt mit geradezu atemberaubender Geschwindigkeit vollendete Tatsachen, bevor sich neue Initiativen zum Erhalt in Stellung bringen konnten: Am 31. Oktober reichte die Stadtverwaltung bei ihrer Bauaufsicht den Abrissantrag ein; am 1. November erfolgte die Genehmigung, und bereits zur Mittagszeit des 2. November war das Haus nur noch ein Schutthaufen. Der Protest war groß; die Internationale Hölderlin-Gesellschaft sagte kurz entschlossen ihre für Homburg geplante Jahrestagung ab, und über die Stadt ergoss sich Entrüstung, Häme und Spott. Den Neubau, der an der Stelle des Hölderlin-Hauses errichtet wurde, wurde von Zeitgenossen als „seelenlos“ kritisiert.

Seit 1983 also ist Bad Homburg eine Hölderlin-Stadt ohne Hölderlin-Haus. In gewisser Weise passt das zur Unbehaustheit des Dichters, dem es nie gelungen ist, einen festen Platz in der Welt zu finden. Die Erinnerung der Stadt Bad Homburg an ihren größten Bewohner hat keinen materiellen Anknüpfungspunkt, sondern ist auf seine Texte angewiesen – oder, in Hölderlins Worten: „Was bleibet aber, stiften die Dichter.“

Der Text ist erschienen in der Kolumne „Tief im Taunus“, Taunus-Zeitung vom 05.04.2019. Veröffentlichung mit freundilcher Genehmigung des Autors und der Taunus-Zeitung.

ergänzende Literaturhinweise:

Angelika Baeumerth (†), Die Dorotheenstraße. Eine Bad Homburger Straße in Geschichte und Gegenwart, in: Aus dem Stadtarchiv. Vorträge zur Bad Homburger Geschichte 2000/2001, S. 29–68.

Olaf Deussen, Vergeblicher Protest? Abriss des Hölderlin-Hauses in Bad Homburg, https://www.zum.de/wettbewerbe/sdg99/Deussen

Barbara Dölemeyer, Hölderlin in Homburg. Blickpunkte 1798–1800 und 1804–1806, Bad Homburg v. d. Höhe 2016.

Gregor Maier, Hölderlin-Gedenkorte in Bad Homburg v. d. Höhe, in: Hessische Heimat 67 (2017), S. 51–56.

Reinhard Michel, Wo hat Friedrich Hölderlin bei seinen Homburger Aufenthalten gewohnt?, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Landeskunde zu Bad Homburg v. d. Höhe 35 (1982), S. 300–303.

Abriss des Hölderlinhauses in der Dorotheenstraße im Jahr 1983