Hölderlin und das Schloss Homburg

Nun kommen wir auf unserer Spurensuche zum Landgrafenschloss.

Hölderlin schrieb kurz nach seinem Eintreffen in Homburg im Oktober 1798 an seine Mutter:

 

Am Hofe hat mein Buch [der erste Band des Romans „Hyperion“] einigermaaßen Glük gemacht und man hat gewünscht, mich kennen zu lernen. Die Familie des Landgrafen besteht aus ächtedeln Menschen, die sich durch ihre Gesinnungen und ihre Lebensart von andern ihrer Klasse ganz auffallend auszeichnen. Ich bleibe übrigens entfernt, aus Vorsicht und um meiner Freiheit willen, mache meine Aufwartung und lasse es dabei bewenden.“

 

Er spricht von freundlicher Aufnahme durch einige Mitglieder der Landgrafenfamilie; „echt edle Menschen“. Allerdings waren damals nur die Landgräfin Caroline mit den Töchtern Auguste und Marianne (*1785) sowie die jüngsten Söhne (Ferdinand *1783, Leopold *1787) in Homburg. Der Landgraf verbrachte die meiste Zeit in Schlangenbad und in Frankfurt, sozusagen auf der Flucht vor französischer Besatzung. Landgräfin Caroline hielt in Schloss und Regierung die Zügel in der Hand, sie bewunderte Napoleon und pflegte geselligen Verkehr mit den Revolutionsgeneralen, die im Schloss Quartier nahmen. Unterstützung erfuhr sie aus dem Kreis der „Hofdemokraten“ um Franz Wilhelm Jung und Wilhelm Ludwig Kämpf, die sich um Vermittlung mit den Franzosen bemühten.

 

Wie oft sich Hölderlin im Schloss aufhielt, ist schwer nachzuweisen. Durch Sinclair kam er in Kontakt mit der Landgrafenfamilie. Berühmt sind seine Widmungsgedichte an Prinzessin Auguste (Geburtstag 1799), an ihre Schwester Amalie (An eine Fürstin von Dessau), und die Hymne „Patmos“ mit der Widmung „dem Landgrafen von Homburg“ 1803. Die beiden erstgenannten sind in Homburg entstanden. Patmos überreichte Sinclair dem Landgrafen zu dessen 55. Geburtstag.

 

Das Schloss bildet auch den Übergang zum zweiten Aufenthalt Hölderlins 1804-1806: Als die Pläne zur Herausgabe der Zeitschrift „Iduna“ scheiterten und die finanzielle Lebensgrundlage nicht zu schaffen war, kehrte er im Sommer 1800 zurück nach Nürtingen, es folgten die erwähnten Reisen nach Hauptwil und dann Bordeaux, beides in Hauslehrerstellen, die er nach kurzer Zeit verließ. Als Hölderlin von dem Tod Susette Gontards (22.6.1802) nach seiner Rückkehr aus Frankreich erfuhr, verschlimmerte sich sein geistiger Zustand. Sinclairs erneuten Einladungen nach Homburg folgte er erst 1804.

Sinclair verschaffte dem Freund nominell eine Stellung als Hofbibliothekar, die er aus seinem eigenen Gehalt finanzierte und die Hölderlin sicher nie ausgeübt hat, jedoch hatte er Zugang zur landgräflichen Bibliothek. Es waren bereits die Jahre seiner stärker ausbrechenden Krankheit, er musste die Wohnung in der Dorotheenstraße 36 verlassen und umziehen. Im September 1806 erfolgte sein Abtransport nach Tübingen, zum einen wegen der Schwere der Krankheit, zum anderen infolge der politischen Umwälzungen der napoleonischen Zeit: Hessen-Homburg wurde 1806 in das nunmehrige Großherzogtum Hessen eingegliedert; Sinclair als Regierungsbeamter verlor seine Position. Landgräfin Caroline schrieb am selben Tag, als Homburg von Darmstadt eingenommen wurde, 11.9.1806 an ihre Tochter Marianne „Le pauvre Holterling a été transporté ce matin pour etre remis a ses parens“.

 

 

Die Schlosskirche wurde bekanntlich weitgehend originalgetreu restauriert und 1989 als Raum für Kulturveranstaltungen wieder eröffnet. Dabei ist auch für den Eingang zur Landgrafengruft die historische Situation wiederhergestellt und die Abdeckung neu gestaltet worden. Der Kasseler Künstler Horst Hoheisel (* 1944) schuf eine Bronzeplatte mit Zeilen aus Friedrich Hölderlins Hymne „Patmos“: Berühmt die Anfangszeilen:

Nah ist/ und schwer zu fassen der Gott./ Wo aber Gefahr ist, wächst/ das Rettende auch./ Im Finstern wohnen/ die Adler und furchtlos gehen/ die Söhne der Alpen über den Abgrund weg/ auf leichtgebaueten Brüken

 

Die Schlosskirche ist heute etwa im Zustand der Zeit Hölderlins zu erleben und deshalb m.E. ein besonders passender Ort für die Verleihung des Friedrich-Hölderlin-Preises der Stadt.

 

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