Hölderlin kommt nach Frankfurt

Wir beginnen mit Frankfurt: Die Stelle bei dem Bankier Jakob Friedrich Gontard trat Hölderlin am 10. Januar 1796 an, sie war vermittelt durch den befreundeten Arzt Johann Gottfried Ebel. Der Ort, an dem seine schicksalhafte Begegnung mit Susette Gontard begann, existiert nicht mehr: es war das Haus zum „Weißen Hirsch“, das 1872 abgerissen wurde, heute steht dort der Frankfurter Hof. Auch die Sommeraufenthalte, welche die Gontards  – wie viele Frankfurter – für die heißeren Monaten mieteten, gibt es nicht mehr: 1796 wohnte man in einem Haus auf der Pfingstweide (heute Zoogelände), 1797 und folgende war es der Adlerflychthof, der nach Hölderlins Flucht nach Homburg der Ort einiger kurzer, verstohlener Treffen mit Susette war. Nur die Namen Adlerflychtstraße und –platz erinnern noch daran. Nahe dem Zoo gibt es eine Hölderlinstraße.

 

Als junger Theologe aus einer angesehenen Familie befand sich Hölderlin nun in einer ziemlich prekären Situation: er war ein hoch gebildeter Angestellter, hatte partiell am herrschaftlichen Leben teil. Aber, wie er schließlich schrieb: „der Hofmeister ist immer das fünfte Rad am Wagen“, so empfand er dies zunehmend als bedrückend. Die Lebenssituation an sich war also nicht ungewöhnlich, auch Seelenverwandtschaften zwischen Hauslehrer und Hausherrin begegnen uns öfters: der Ehemann von Geschäften absorbiert, die Ehefrau zwischen Geist und Geld.

Für Hölderlin war Frankfurt auch die Erfahrung einer Großstadt (Frankfurt hatte damals über 40.000 Ew), und einer Gesellschaft des Großbürgertums. Er äußert sich in seinen Briefen kaum über die Stadt selbst und zurückhaltend bis negativ über das Leben der „Frankfurter Gesellschaftsmenschen“. Er kritisiert ihre „Steifigkeit, und Geist- und Herzensarmuth“ und nennt sie in einem Brief an die Schwester „lauter ungeheure Karikaturen“. Susette war für Hölderlin der Gegenpol dazu, zu ihr zog ihn sein Empfinden hin, bekannt ist die Stelle aus einem Brief an den Freund Christian Ludwig Neuffer (16.2.1797): „Es ist eine ewige fröhliche heilige Freundschaft mit einem Wesen, das sich recht in diß arme geist- und ordnungslose Jahrhundert verirrt hat! Mein Schönheitssinn ist nun vor Störung sicher. Er orientirt sich ewig an diesem Madonnenkopfe. Mein Verstand geht in die Schule bei ihr, und mein uneinig Gemüth besänftiget, erheitert sich täglich in ihrem genügsamen Frieden.“ Er glaubte, in diesem geistigen Austausch in einer neuen Welt zu leben. Dies alles ging auf die Dauer nicht gut. Hölderlin verließ im September 1798 Frankfurt sehr schnell – offenbar nach einer Demütigung durch den Hausherrn – und folgte der Einladung seines Freundes Isaac von Sinclair nach Homburg vor der Höhe.

 

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