Die Kämpfe im Chauffour- Wald

Auf Exkursion im Chauffour-Wald stoßen wir in den Gräben auf diesen Wellblechrest (September 2016, Quelle: Kreisarchiv des Hochtaunuskreises).

Die vorrückenden deutschen Einheiten gerieten in den Feuerradius der französischen Artillerie auf dem westlichen Maasufer. Hier hatten die Deutschen bisher noch nicht angegriffen. Dies flankierende Artilleriefeuer sorgte für enorme Verluste. Daher ordnete die deutsche Führung eine neue Hauptoffensive westlich der Maas an, wo nun fast zwei Monate lang erbittert um die Höhe „Toter Mann“/Mort Homme gekämpft wurde.

In populärwissenschaftlichen Darstellungen geht dabei unter, dass die Kämpfe auch auf dem östlichen Maasufer noch zwei Wochen weitergingen. Direkt nordwestlich des Forts Douaumont lagen das Dorf Douaumont und der Chauffour-Wald. Das kleine Dorf, das vor dem Krieg 400 Einwohner hatte, war bereits Ende Februar viel härter umkämpft gewesen als die Festung. Die 80er sollten nun das Dorf und eine westlich davon gelegene Schlucht und Höhe einnehmen. Der Angriffsbefehl und das Kartenmaterial in der Regimentsgeschichte lässt erkennen, dass zunächst  „nur“ etwa einen Kilometer weiter vorgestoßen werden sollte.

 

Spätestens jetzt hatten die Kämpfe eine Intensität erreicht, die von zahlreichen Kriegsteilnehmern beider Seiten und auch in der offiziellen Darstellung immer wieder als „Hölle“ bezeichnet wurden. Der Artilleriebeschuss von Franzosen und Deutschen zerstörte die Wälder und verwandelte die Hänge in unwegsame Schlammwüsten. Zu zwei Großangriffen, zwischen dem 1.-4. März und am 9./10. März, traten die 80er in der Nähe des Dorfes Douaumont an. Alle Versuche liefen sich in der Schlucht des Chauffourwaldes und des angrenzenden Albainwaldes fest, wo die Männer zu Zielen mörderischen Artillerie- und MG-Feuers wurden. Bereits am 3. März gab es erste krisenhafte Erscheinungen: „Die Verpflegung der Truppe hat bisher zu Schwierigkeiten geführt, so daß bereits mehrere eiserne Rationen angegriffen werden mussten. Das Vorbringen warmer Feldkost wird heute nochmals energisch versucht… Verlustmeldung bis 5 Uhr abds. I./80: 166 Mann; III./80: 114 Mann; II./80. Meldet Verluste ohne Zahlenangabe; M.G.K.: 9 Mann und 1 M.G. außer Gefecht gesetzt.“[1]

Während der Schlacht von Verdun konnte Verpflegung häufig erst nachts nach vorne gebracht werden, weil es tagsüber außerhalb der Stellung zu gefährlich war. Einen Tag später heißt es.

„… Die Verluste der in vorderer Linie befindlichen Bataillone vermehren sich stündlich. 3. Der Abtransport von Verwundeten ist noch nicht durchgeführt. In der Mulde liegen noch zahlreiche Schwerverwundete deren Anblick auf die Truppe ungünstig wirkt. Alle zurückkehrenden Offiziere schildern die Verhältnisse in der Mulde A derart, dass nach Ansicht des Regiments das Belassen ein und derselben Truppe in dieser Stellung ohne Ablösung deren Kampfkraft beeinträchtigt. In einem Falle ist Geistesgestörtheit aufgetreten. Der größte Teil der Mannschaften in vorderer Linie wird apathisch.“[2]

Die gewünschte Ablösung wurde dem Regiment gewährt. Wie tödlich die Schlacht geworden war, zeigte sich am Abend des 04. März, als das Regiment sogar in seiner Ruhestellung beschossen wurde und nochmals die Stellung wechselte. Fünf Tage später mussten die 80er erneut den Albain-Wald angreifen.

 

Die Mitte der 1920er Jahre erschienene Regimentsgeschichte entspricht politisch dem deutschnationalen Geist vieler Offiziere. Doch gleichzeitig fällt der Rückblick des Autors Bernhard von Fumetti auf die Schlacht von Verdun, an der er selbst teilnahm, bitter und sogar kritisch gegenüber der Militärführung auf – das wird erstmals besonders deutlich, als er über den Angriff vom 09. März schreibt: „..das Regiment sollte abermals von der Chauffour-Schlucht aus zum Angriff antreten. Der Division war nun einmal dieser Abschnitt zugewiesen und vom Standpunkt der höheren Truppenführung aus gesehen wäre es sicherlich außerordentlich schwierig und zeitraubend gewesen, in der Abschnittseinteilung einen Wechsel eintreten zu lassen, in d er Hauptsache für die Artillerie. Trotzdem, was bedeuten technische Schwierigkeiten im Vergleich zu den seelischen Kräften, die letzten Endes doch für den Schlachterfolg ausschlaggebend sind. Das Regiment nach wenigen Tagen an derselben Stelle und unter denselben Bedingungen zum Angriff anzusetzen, an der es ¼ seines Bestandes geopfert hatte, war ein psychologischer Fehler. Dort lagen noch unbeerdigt die Gebeine der gefallenen Kameraden, der besten Freunde und der tapfersten Führer, dorthin wieder zurückzukehren und dasselbe noch einmal durchzumachen, musste jeden Teilnehmer mit Grausen erfüllen und damit den Kampfwillen lähmen.“[3]

 

Kurz vor dem Angriff am 09. März brach der Regimentskommandeur, Oberst Alfred Braun, zusammen, fiel zwei Mal in Ohnmacht und wurde mit der Diagnose der „schweren Herzaffektion“ ins Lazarett geschickt. Der folgende Angriff brach rasch und blutig zusammen. Nach horrenden Verlusten zog sich das Füsilier-Regiment Nr. 80 bereits am Nachmittag des 10. Märzes wieder zurück und wurde abgelöst. Für einige Wochen gab es keine Angriffe mehr von Douaumont aus. Die 80er hatten an fünf Gefechtstagen im Chauffour-Wald Verluste (einschließlich Verwundeter) von 1252 Mann – über ein Drittel des Regiments. Sie rückten nun für drei Wochen von der Front ab. Erst später, im April und Mai 1916, eroberten andere deutsche Einheiten dieses Gebiet.

 

Im September 2016 besuchte eine Delegation des Hochtaunuskreises und des Bundeswehr-Kreisverbindungskommandos die Stellungen im Chauffour-Wald. Im Dorf Douaumont zeugten die Schutthügel der Häuser vom intensiven Artilleriebeschuss, der sogar die Grundmauern zerstörte. Die Reste der damaligen Feldstellungen befinden sich heute in einem Waldgebiet mit dichtem Unterholz – ein beruhigender Anblick im Vergleich zu zeitgenössischen Fotografien der Schlacht, als nur noch einzelne zerschossene Bäume wie Zahnstocher aus dem verwüsteten Gelände aufgeragten.

 

Weiterlesen - Briefe aus dem Chauffour-Wald von Vize-Feldwebel Otto Onneken

 

[1] Fumetti, S.160.

[2] Fumetti, S. 161/162.

[3] Fumetti, S. 163.