Der Caillette-Wald – letzte Station der 80er in Verdun

Soldaten der 80er in der "Britenschlucht" am Rande des Caillette-Waldes (Quelle: Fumetti, S. 183).

Nach der Ruhepause kamen die 80er im April wieder an die Front, um an der nächsten Offensive im zentralen Kampfgebiet rund um Fort Douaumont teilzunehmen. Am 2. April begann in dessen Nähe der nächste Angriff mit dem Ziel der „Besitznahme des Caillette- und Chapitre-Waldes und Vorstoß über Dorf Fleury zur Gewinnung des Höhenrückens südwestlich Fleury, sowie des Fumin-Waldes zunächst bis an das Fort Souville heran.“[1] Die Ziele befanden sich in einem Gebiet bis zu zwei Kilometer Entfernung von Fort Doaumont, so dass es sich auch hier um eine begrenzte Operation handelte. Nachdem die Angriffe südwestlich des großen Forts gescheitert waren, hofften die Deutschen offenbar, durch eine Verlagerung der Attacke etwas nach Osten, eine Lücke in die Stellungen zu schlagen.

 

Die „80er“ kamen hier erst in der zweiten Welle zum Einsatz. Am 11. April steuerten die Soldaten den Caillette-Wald an, einen weiteren bewaldeten Höhenrücken in unmittelbarer Nachbarschaft zu Fort Douaumont an dessen Südostseite. Dort gab es sogar bereits ein System von Schützengräben zur Deckung, aber die durch das ständige Artilleriefeuer verwüstete Landschaft verwirrte die Truppen: „Von der Stellung gab es die schönsten Karten, auf denen alle Gräben sorgfältig mit Namen versehen waren, aber im Gelände waren sie kaum zu finden.“ Der anfängliche Angriff der 80er am 11. April brach sofort zusammen. Aufgrund der aufgewühlten Stellungen mussten die Soldaten ständig die Gräben erneuern, was die Lage noch viel anstrengender und gefährlicher machte: „II. und III. Batl.mussten jede Nacht zu Schanzarbeiten ausrücken, um Laufgräben zu bauen. Die An- und Rückmärsche sowie die Arbeiten selbst lagen stets unter Artilleriefeuer. Indem war die Arbeit bei Regen und in stockfinsterer Nacht außerordentlich anstrengend. Es war auch nicht möglich, bei Rückkehr die Sachen zu trocknen. Es häuften sich daher wieder die Darmerkrankungen, obwohl mit Strenge darauf gehalten wurde, dass jeder Mann eine Leibbinde trug.“[2]

 

Anders als in den anderen vorangegangenen Gefechten bei Verdun, waren die 80er ab dem 17. April im Caillette-Wald mit starken französischen Gegenangriffen konfrontiert. Besonders am 19. April gab es schwere Kämpfe. Französische Truppen stießen tief ins Grabensystem vor und sorgten für schwere Verluste; unter Mühen schlugen die 80er diesen Angriff nieder. Danach aber hatte das Regiment nur noch „eine Grabenstärke von 5-600 Mann“, also 20 Prozent des normalen Personalbestandes.[3] Der Regimentsstab stellte fest, dass die „80er“ nicht mehr die Kampfkraft hatten, um weiteren Feindangriffen zu widerstehen und lieferte einen ungeschminkten Bericht ab: „Alle Gräben sind stark zerschossen, teilweise eingeebnet. In ihnen stellt sich jeder Mann, so gut wie es geht, eine Deckung her. In den Gräben liegen Tote und Schwerverwundete, sie stehen voll Wasser und sind durch Kot verschmutzt. Der Anblick des Elends der Verwundeten, die mangelhafte Verpflegung und das dauernde Artilleriefeuer in Stellungen ohne Deckung stellen an die Spannkraft von Offizieren und Mannschaften die allergrößten Anforderungen.“[4]

Nach den Kämpfen im April fasste Falkenhayn erstmals den Gedanken, die Offensive vor Verdun völlig zu stoppen. Nach einer Befragung sprachen sich die Frontgeneräle jedoch für deren Fortsetzung aus – zum Teil mit dem Argument, dass die Verteidigungsstellungen ihrer Einheiten so ungünstig waren, dass es besser sei, sich durch weitere Angriffe geeignetere Positionen zu erkämpfen. Als die Offensive Anfang Mai wieder aufgenommen wurde, waren die 80er nicht mehr dabei.

Die Ablösung der 80er wurde gewährt und am 22./23. April durften sie sich aus den Gräben im Caillette-Wald zurückziehen. Wie bei der vorangegangenen Offensive im Chauffour-Wald gab es kaum Erfolge – dafür aber schwere Verluste.

 

688 identifizierte Angehörige der 80er, davon 251 aus dem in Homburg stationierten III. Bataillon, fielen von Februar bis April in Verdun. Inklusive Verwundeten, Gefangenen und Vermissten verloren die 80er sogar 2703 Mann, 60 Prozent ihrer Gesamtstärke.

Nach Verdun nahmen sie bis Kriegsende noch an vielen Schlachten an der Westfront teil, so kämpften sie noch im Jahr 1916 in der Somme-Schlacht. Nie mehr zuvor oder später sollten ihre Verluste jedoch so groß sein wie in Verdun. Dort teilten sie das Schicksal vieler deutscher und französischer Regimenter, die regelrecht zum „Kanonenfutter“ wurden: die Artillerie und Maschinengewehre beherrschten das Schlachtfeld, in deren mörderischem Feuer kamen die Angriffe der Infanteristen kaum noch voran.

 

Weiterlesen: Bad Homburger vor Verdun - weitere Anmerkungen

 

[1] Fumetti, S. 170

[2] Fumetti, S. 176/177

[3] Fumetti, S. 186

[4] Fumetti, S. 188

Karte der Gräben im Caillette-Wald. Die Zahlen markieren die Positionen der am Kampf beteiligten Kompanien des Füsilier-Regiments Nr. 80 zum Zeitpunkt des französischen Gegenangriffs am 19. April (Quelle: Fumetti, S. 180).