Briefe aus dem Chauffour-Wald von Vizefeldwebel Otto Onneken

Otto Onneken (1894-1976). Das Bild entstand Ende 1916, nach der Schlacht von Verdun (Quelle: Onneken).

Ein eindrückliches Zeugnis der Chauffour-Schlacht bieten die Briefe des damaligen Vizefeldwebels Otto Onneken (1894-1976). Der in Emden geborene Onneken hatte gerade eine Karriere als Journalist begonnen, ehe der Krieg begann. Im späteren Leben siedelte er sich in Friedrichsdorf an. Sein Enkel Onno Onneken, Ober-Erlenbach, verwahrt noch etliche Briefe und stellte für diesen Artikel freundlicherweise einige zur Ansicht zur Verfügung. Onneken war zu Beginn der Schlacht von Verdun Zugführer in der 10. Kompanie des III. Bataillons der 80er, führte also etwa 30 Leute an. Am 30. März 1916 wurde er zum Leutnant befördert und am 19. April verwundet – das Trommelfell platzte. Im Sommer 1916 wurde er zum Regiment 168 verlegt, was bedeutete, dass er erneut vor Verdun kämpfen musste. Dort wurde er am 14. August 1916 durch Granatsplitter erneut schwer verwundet. Dadurch kam er nach der Genesung zu den Funkern. In den Briefen an seine Familie lieferte Onneken eine dreigeteilte, knappe Schilderung der Chauffour-Schlacht. Sie entstand nach der Ablösung seiner Einheit am 12.03.1916 in Ville-devant-Beaumont 20 Kilometer nördlich von Verdun. Sie soll hier in Auszügen wiedergegeben werden:[1]

  1. Meine Lieben!

Es ist Sonntag heute. Ich glaube wenigstens. Die Sonne scheint so schön. Um 3 Uhr gehe ich zur Wache. Vorhin spielte die Regimentskapelle. Unser schönes Regiment. [Im Januar][2] war es noch so stolz und mächtig, gehörte zu den besten Kerntruppen. Und jetzt? Was ist noch da? In der Todesschlucht westlich von Douaumont liegen die Leute haufenweise, die Höhe 344, der Pfefferrücken, der Chauffourwald, alles Punkte, wo … gekämpft wurde und das Blut unserer braven Füsiliere in Strömen floss. Es sind immer noch die alten Truppen, die Verdun angreifen….

Im Anfang klappte unsere Offensive großartig. Die Verluste waren gering, die Franzosen hatten entsetzliche Verluste. Ich sah ganze Blockhäuser voller Leichen. Die Gesichter verkohlt durch Flammenwerfer. Dann kam der Angriff zum Stehen. Das war am Anfang des Monats. Und nun liegen wir westlich von Douaumont in einer tiefen Schlucht, die der Franzose gerne wieder haben möchte.

 

  1. Die Schlucht ist bewaldet und hat steile Abhänge. An dem Steilhang lagen die Sturmkolonnen, Mann neben Mann. Und in diesem Steilhang schlagen Tag und Nacht die Granaten ein. Oft auch unsere eigenen. … Der Schall der Granaten und das Schreien der Verwundeten hallen furchtbar in diesem Hexenkessel. Ein Kommando ist ständig damit beschäftigt, die Toten zu begraben, aber es werden immer mehr. Ein süsslicher Leichengeruch füllt das Tal. Denn oft findet man die Körperteile nicht alle zusammen…

Am 9. Stürmten wir. Während des vorbereitenden Art. Feuers waren unsere Verluste schon schwer. Hans Pradel hatte Glück ein schwerer Splitter durchschlug seinen Stahlhelm und verletzte ihn nur leicht an der Stirn. Als wir um 2 Uhr zum Sturm antreten, schlugen 3 schwere Volltreffer neben mein Loch, in dem ich hockte, ein. Links von mir war alles verwundet oder tot. 20 Opfer zuckten und schrien um Hilfe. Wir mussten ohne helfen zu dürfen vorbeilaufen und stürmen. Der Angriff klappte schön. Der Kampf war mal wieder eine Erholung. Wir hatten einige

 

  1. Verluste und eroberten 2 Gräben mit M.G. usw. Viele Gefangene wurden gemacht. Ein franz. Oberleutnant, dem die Pistole aus der Hand geschlagen werden musste, sagte auf Deutsch: Ihr Kaiser hat noch gute Soldaten, aber meine Schweine sind nur alle davongelaufen. Sie sind gut brav, aber ich… mein Ruf, meine Ehre, mein Name….

Ich habe vorne einen Franzosen ausgegraben, der tief unter der Erde lag. Der war seinem Lebensretter sehr dankbar! Ich hoffte übrigens für meine Tätigkeit während der Tage das Kreuz zu bekommen. Die nächste Nacht hatten wir Trommelfeuer. Es war fürchterlich. Meine Leute schmolzen immer mehr zusammen. Am nächsten Tag dieselbe Geschichte. Dazu Schnee.

Mantel ist sehr schön.

Besten Dank.

Gruss

Euer Otto.

 

Weiterlesen - Der Caillette-Wald - letzte Station der 80er vor Verdun

 


[1] Transkript durch Verfasser des Aufsatzes. Interpunktion und Rechtschreibung wurden vorlagengetreu wiedergegeben. Diese und zahlreiche weitere Briefe befinden sich im Besitz von Onno Onneken, Ober-Erlenbach.

[2] Schlecht lesbare Stelle, daher vermutete Lesung.

 

 

Fotografie von Onneken aus dem Kampfgebiet. Der Wald ist schon stark zerstört (Quelle: Onneken).