Die Hof-Apotheke in Bad Homburg 1716-2016  – Neues aus 300 Jahren Apotheker- und Ärztegeschichte

Barbara Dölemeyer

 

Die 300jährige Geschichte der Hof-Apotheke bietet interessante Einblicke in die lokale Medizingeschichte. Für die ersten 150 Jahre kann man eine Entwicklung hin zu einer besseren Organisation des Apotheker- und Ärztewesens in der Landgrafschaft Hessen-Homburg konstatieren. Diese Epoche ist durch vier Generationen Hof-Apotheker Müller geprägt (es folgt das Zwischenspiel des etwas unglücklichen Jakob Leonhard Thuquet). Für die darauffolgenden 100 Jahre seien die Einbindung in den Homburger Kurbetrieb, die Entwicklung neuer Arzneimittel sowie die Erweiterung des pharmazeutischen Wissens als wichtige Faktoren genannt; es war die „Ära Rüdiger“. Für die jüngsten 50 Jahre ist es nicht so einfach, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Einige Episoden aus den 300 Jahren des Bestehens der Hof-Apotheke sollen hier illustriert werden. Wir können Kurioses über die medizinische Versorgung im 18. Jahrhundert erfahren und dann froh sein, dass wir heute leben und unsere Gesundheit nicht von Badern und Balbierern, Kräuterweiblein und Spirituskrämern abhängt.

Werfen wir einen Blick in die kleine Residenzstadt Homburg zu Anfang des 18. Jahrhunderts: in die Dorotheenstraße, angelegt von Landgraf Friedrich III. Jacob zum Ausbau der Neustadt. Sie führte direkt zum Schlosseingang und sollte eine vornehme Adresse sein und bleiben. Deshalb nahm der Landgraf Einfluss auf die Auswahl der Hauseigentümer und die Gestalt der Häuser. 1716 baute dort der Apotheker Zacharias Müller ein Haus, in dem er dann Wohnung und Offizin hatte. Der Hausbau war Bedingung für sein Privileg als „Unßer Hof- Statt- und Landt- Apothecker“, das vom 16. September 1716 datiert. Interessant beim Hof-Apotheken-Privileg ist, dass es auch den Schutz der Apotheke vor möglicher Konkurrenz regelte: Ärzte sollten Medikamente nicht selbst herstellen dürfen, sondern diese den Patienten für die Beschaffung bei der Apotheke verschreiben, gleiches galt für „Barbierer oder Bader“, auch unlautere Konkurrenz durch „Öhl- und Spiritus-Krämer und Landstreicher“ sollte ausgeschlossen sein. Die späteren Erneuerungen und Übertragungen der Privilegien ergänzen jeweils den Inhalt und passen ihn den aktuellen Verhältnissen an.

 

Die Zeit der Hof-Apotheker aus der Familie Müller

Über Zacharias Müller sind im lokalen Schrifttum nur wenige Angaben zu finden und diese sind widersprüchlich und z.T. falsch. Das gilt auch für die Lebensdaten der weiteren Eigentümer der Hof-Apotheke aus der Familie Müller, die bis 1833 deren Geschick lenkten. Aus Kirchenbüchern, Universitätsmatrikeln und Promotionsverzeichnissen sowie aus den umfangreichen Akten über Ärzte und Apotheker in Hessen-Homburg, die sich im Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden und im Stadtarchiv Bad Homburg befinden, konnte viel bislang Unbekanntes zu Tage gebracht werden. Zacharias Müller wurde am 31. Oktober 1681 als Sohn des Bierbrauers Zacharias Müller in Blankenburg (Harz) geboren. Nachgewiesen ist seine Apothekerlehre in Großbottwar (Württemberg), was aus den biografischen Angaben zu seinem Bruder Michael Müller, einem frühpietistischen Dichter hervorgeht. Als Kammerdiener und Hofapotheker war er von 1707 bis um 1710 in Neuenstadt (Kocher) tätig; seine erste Frau Katharina Elisabeth, geb. Kern war Kammerjungfer bei Prinzessin Auguste von Württemberg-Neuenstadt, einer württembergischen Nebenlinie. Nach ihrem Tod 1709 heiratete er nochmals und mit dieser zweiten Frau Eleonore Barbara Schölldörfer kam er nach Homburg vor der Höhe, wo drei ihrer Kinder geboren wurden: zwei Töchter (1718, 1720) und der Sohn Johann Friedrich Wilhelm (1724-1787), der Zacharias‘ Nachfolger wurde. Zuvor hatten sie zwei Söhne bekommen, deren Geburtsort unbekannt ist: Philipp Christian Wilhelm (*1712, †1789) und Johann Heinrich (*1715).

In Homburg fand er Eingang in eine Hofgesellschaft ganz spezieller Art. Denn der Landgraf umgab sich zum einen mit religiösen Sektierern und zum andern war er alchimistischen Versuch(ung)en gegenüber „anfällig“. Oft verbanden sich auch diese beiden Elemente.

Die Häuser Dorotheenstraße 8, 10 und 12 (spätere Zählung) sind zeugen dafür: In Nr. 8 wohnte und praktizierte der landgräfliche Leibarzt Johann Philipp Kämpf, der zwar Theologie, aber nie Medizin studiert hatte. Seine spezielle Heilmethode war das „Klistieren“, das er als Heilmittel für nahezu alle Krankheiten propagierte. Kämpf war auch das Haupt der sog. Inspirationsgemeinde, die in Homburg Toleranz und Aufnahme gefunden hatte. Haus Nr. 10 beherbergte die Hof-Apotheke und in Nr. 12 wohnte und experimentierte Hofrat Johann Samuel von Ploennies, ein bekannter Alchimist und „Goldmacher“. Gold wurde zwar nie gemacht, aber für einen Apotheker, der die nötigen Tinkturen und Mittel lieferte, brachte das Labor sicher gutes Geschäft. Die landgräflichen Finanzen litten hingegen schwer unter diesen Experimenten. Zacharias Müllers Sohn heiratete übrigens eine Nichte des Samuel von Ploennies, ein Netz verwandtschaftlicher Beziehungen zog sich durch die ganze Dorotheenstraße, damals sozusagen ein „Alchimisten-Nest“. Ein Problem für den Hof-Apotheker war aber sein Nachbar in Nr. 8: der erwähnte Johann Philipp Kämpf, eine Art Laienheiler, war nicht nur landgräflicher Leibarzt, sondern auch „Stadt- und Landphysicus“, also sozusagen Amtsarzt, ihm oblag auch die Kontrolle der Apotheken. Das war schon schlimm genug, aber Kämpf bot in seinem Haus Nr. 8 den Patienten auch stationären Aufenthalt, ja ganze Kuren an und er stellte die erforderlichen Medikamente selbst her und verkaufte sie (sein Werbespruch war: „Logis, Tisch und Bett samt den Universal-Clistieren mit allem was dazu gehört…“).  Das führte nun zu einem längeren Rechtsstreit zwischen dem Arzt ohne Medizinstudium und beiden Homburger Apothekern (auch die 1684 gegründete Engel-Apotheke war betroffen). Die Apotheker beriefen sich auf die hessen-homburgische Medizinal-Ordnung von 1729, in der es hieß: „... alß wird Unßern respect. Medicis, Stadt- und Land-Physico ...[nicht verstattet] außer ihrer gewöhnlicher Verschreibung ihrer recepten in die hießige Apotecken dergleichen Medicamenta selbsten auszutheilen,...“. Es sei hingegen „billig und löblich, daß die Medici und Apothecker in guter und freundlicher Correspondentz leben“ (Privileg 1716). Dies war aber schwer durchzusetzen: Der Pseudo-Doktor Kämpf verkaufte weiter seine Medicamenta; wer das Ohr des Landgrafen hatte, konnte sich allerhand erlauben.

Vielleicht haben die Apotheker Müller daraus gelernt: In den nächsten beiden Generationen wurde die Hof-Apotheke nämlich von zwei Ärzten geführt: Dr. med. Johann Friedrich Wilhelm und Dr. med. Georg Friedrich Carl Müller, beide Leibarzt, beide Hofrat. Zu dieser Zeit war es also möglich, dass ein Arzt selbst eine Apotheke führte. Später wurde bei Erneuerung der Apotheken-Privilegien immer eine Bestimmung eingefügt, „daß die Apotheke niemals an einen Arzt verkauft oder sonst überlaßen werden dürfe“.

Auch was die – ältere – Engel-Apotheke betrifft,  gab es Kontroversen: Im Kampf gegen spirituellen Laiendoktor Kämpf zogen Hof-Apotheker und Engel-Apotheker sozusagen an einem Strang, sonst aber war ihre Beziehung von langjährigem Streit gekennzeichnet. Im Privileg 1716 hatte der Landgraf nämlich dem Hof-Apotheker Müller zugesagt, dass beim Tod des ersten Inhabers der Engel-Apotheke diese geschlossen werden solle („cassiret“). Offenbar dachte man, Homburg böte nicht genug Kundschaft für zwei Apotheken. Als aber 1728 der Fall eintrat und der Schwiegersohn des ersten Engel-Apothekers nachfolgte, erhob Zacharias Müller viele Beschwerden, klagte über seinen baldigen Ruin etc. Aber die Bewohner der Altstadt konnten den Fürsten davon überzeugen, dass sie die (Engel-)Apotheke brauchten, da man im Notfall bei geschlossenem Stadttor nicht rasch genug an Medizin in der Neustadt-Apotheke gelangen könne. So blieb die Engel-Apotheke bestehen. Insofern hat sich der Landgraf in seinen Entscheidungen schlicht und einfach widersprochen, und dann korrigiert. Die beiden Apotheker-Kontrahenten blieben einander nichts schuldig; jeder bestritt dem andern die Daseinsberechtigung. Aber wie man sieht, konnte Homburg doch zwei Apotheken verkraften und diese blieben bis 1941 die beiden einzigen.

Kommen wir zurück zum dritten in der Reihe der Hofapotheker Müller: Georg Friedrich Karl (1761-1811). Er studierte Medizin in Göttingen und Gießen, wo er am 1. März 1784 den medizinischen Doktorgrad erlangte. Später praktizierte er als Dr. med. in Homburg, erhielt den Titel Hofrat, wurde auch landgräflicher Leibarzt. Als behandelnder Arzt Friedrich Hölderlins ging er sogar in die Literaturgeschichte ein, zum einen durch die Charakterisierung durch diesen selbst: „…es ist ein immer heiterer, treuherziger Mann, der einen wenigstens auf Augenblicke schon durch sein gesundes menschenfreundliches Gesicht heilen kann. Er ist der Mann für alle Hypochonder.“ Zum andern bewahrte sein am 9. April 1805 erstattetes Gutachten über Hölderlins Geisteszustand im Zusammenhang mit dem Untersuchungsverfahren und der Arrestierung Isaac von Sinclairs den Dichter vor der Verhaftung durch die Württembergischen Behörden. Er ist also weniger als Hof-Apotheker bekannt geworden, denn als Arzt Friedrich Hölderlins. Hofrat Dr. Müller (Georg Friedrich Carl) war auch Stadt- und Landphysicus, also etwa Amtsarzt. Man kann sich sicher vorstellen, wie schwierig es ist, selbst für eine kleine Stadt wie Homburg, die diversen Namensträger „Müller“ auseinanderzuhalten und die Personen zu identifizieren. Außerdem steht in den Akten meist nur „Hofrat Müller“, „Dr. Müller“ o.ä.

Georg Friedrich Karl Müller und seine Frau hatten sechs Kinder, die in Homburg geboren wurden. Die beiden ältesten Söhne Carl August Wilhelm (1790-1814) und Carl (1791-1860) werden in der Literatur z.T. verwechselt, ihre Daten vermengt, daher seien hier die genauen Daten genannt. Carl August Wilhelm studierte Medizin in Gießen (1807), Würzburg (1809) und Heidelberg (1810) und erwarb in Gießen am 17. Juni 1811 den Doktorgrad. Er scheint nicht als Hof-Apotheker auf, obgleich er 1811 einmal als Apothekengehilfe genannt ist. 1813 wurde er zum Fürstlichen Hofrat und Leibarzt ernannt. Er starb bereits 1814; der zweite Sohn, Carl Müller übernahm nach dem Tod seiner Mutter Anfang 1824 die Apotheke. Der dritte Bruder Isaak Friedrich (1793-1870) studierte ebenfalls Medizin; ihm wurde von Landgraf Friedrich V. Ludwig bereits 1814 zugesagt, er werde die Hofratsstelle, die seine Vorfahren und auch sein gerade verstorbener Bruder in treuen Diensten ausgeübt hatten, nach Studienabschluss erhalten. Dies geschah tatsächlich: Nachdem er in Gießen 1818 den Doktorgrad der Medizin erhalten hatte, wurde er im September 1819 zum Hofrat ernannt, wobei seine Besoldung von 150 fl dadurch aufgebracht wurde, dass die bis dahin seiner Schwägerin, der Witwe Carl Wilhelm August Müllers, Charlotte Henriette geb. Susewind gewährte Pension „mit Ende dieses Monats aufhören sollte.“

Beim Tod Georg Friedrich Karl Müllers konnte noch keiner seiner drei Söhne die Apotheke übernehmen. Deshalb war – und dies war bislang unbekannt – seine Witwe Wilhelmine Louise, geb. Schettla immerhin von 1811 bis Ende 1823 Eigentümerin der Apotheke. Geführt wurde sie wohl durch einen Provisor (Georg Samuel Rauh). Die erste Hofapotheken-Eigentümerin war also die Witwe Müller, geb. Schettla; die heutige Eigentümerin, Doris Schartmann ist aber die erste richtige Hofapothekerin. Denn im 19. Jahrhundert, wen wundert es, konnten ja Frauen noch nicht studieren. Im 20. Jahrhundert war das anders: Eine in Homburg nicht unbekannte Apothekerin, Else Kröner, geb. Fernau konnte 1952 ihr Studium in Erlangen mit der Approbation zur Apothekerin abschließen, sie wurde aber eher als Unternehmerin bekannt.

 

Nach dem Tode der Wilhelmine Louise Müller übernahm also ihr Sohn Karl 1824 die Hof-Apotheke: der fünfte Eigentümer war – wie der Begründer Zacharias Müller – wieder  ausgebildeter Pharmazeut: Er hatte in Gießen Pharmazie und Medizin studiert. Er war unternehmungslustig und verlegte die Apotheke aus der Dorotheenstraße 10, wo sie über 100 Jahre bestanden hatte, in die Louisenstraße. Er erkannte wohl früh, dass sich mit dem beginnenden Kurbetrieb der Schwerpunkt des Homburger Geschäftslebens verlagerte. Zusammen mit seinem Bruder, dem Hofrat und Leibarzt Dr. Isaak Friedrich Müller, ersteigerte er für 4.600 fl. aus herrschaftlichem Besitz ein Haus „in der hiesigen Luisengasse“, das sich allerdings in desolatem Zustand befand, wie die Akten aussagen. Die Hausnummer ist hier nicht genannt, es muss aber das Haus Ecke Waisenhausplatz sein, damals Nr. 53 heute 55. Dorthin verlegte er 1829 die Apotheke. Er muss ziemlich investiert haben, denn für 28.000 fl. verkaufte er 1833 Haus und Apotheke an Jacob Leonhard Thuquet aus Mainz. Karl Müller wanderte nach Amerika aus, kam aber bald – wohl enttäuscht – zurück und fand dann eine Stelle in der 1837 neu eingerichteten landgräflichen Brunnenverwaltung. Er war verantwortlich für den Brunnenversand, machte Reklame für die Homburger Heilquellen, verfasste Brunnenschriften auch in englisch und französisch. Alles in allem war er eine Art „Marketing-Direktor“.

 

Die zweite Epoche der Hof-Apotheke, ab etwa 1830 war durch die Verbindung mit dem Homburger Kurbetrieb geprägt. Sowohl die Inhaber der Hof-Apotheke (Carl Müller, Thuquet und dann die Familie Rüdiger) wie auch die Inhaber der Engel-Apotheke machten sich um die Entwicklung des Kurbades Homburg verdient. In Zusammenarbeit mit Ärzten wie Dr. Eduard Christian Trapp und Dr. (Isaak) Friedrich Müller und später Dr. Wilhelm Deetz beteiligten sie sich an der Förderung des Kurbetriebs, der Analyse und Vermarktung der Quellen wie auch der Propagierung des „Bades“ Homburg. Einen Kurdirektor, der das alles managen soll, gab es erst ab 1872.

 

Zwischenspiel Jacob Leonhard Thuqet

Jacob Leonhard Thuquet, der 1833 die Apotheke kaufte kann man als Intermezzo zwischen Müller und Rüdiger bezeichnen. Er wurde bekannt durch seine private Badeanstalt neben der Hof-Apotheke; er baute sie zu einem mit allem Komfort versehenen Etablissement aus, es gab unterschiedliche Sorten Bäder, darunter Dampfbäder, Fichtennadelbäder und Süßbäder. Das Mineralwasser aus den Quellen wurde in eine Zisterne unter den Badezellen geleitet, wie ein im Stadtarchiv erhaltener Bauplan zeigt. Als 2008 im Hof hinter der Apotheke ein neuer Parkplatz gebaut wurde, kamen Mauerreste davon zu Tage.

Im Laufe der Zeit muss Thuquet aber in Schwierigkeiten geraten sein und sich dem Trunk ergeben haben. In seinem Apotheken-Keller hatte er größere Bestände an Spirituosen, denen er selbst bereits am frühen Morgen zusprach, wie die Gehilfen zu Protokoll gaben. Er war häufig betrunken, fing Streit mit Angestellten, Ehefrau und auch mit den Kunden an. Schließlich wurde ihm der Aufenthalt in den Apothekenräumen und im Laboratorium untersagt und verboten, sich in den Geschäftsbetrieb zu mischen, „so lange er nicht durch ärztliches Zeugniß bewiesen habe, daß er körperlich und geistig wieder fähig sey, einem Geschäfte vorstehen zu können“. Es kam zur (Zwangs)Verwaltung: Sein Schwager Franz Merz aus Frankfurt wurde zum Provisor bestellt. Der Verkauf an Adolph Friedrich Rüdiger im Mai 1850 war also nicht ganz freiwillig, was bislang nicht bekannt war. Nachzutragen ist, dass 1852 Curatel über Thuquet beantragt wurde.

 

Die Ära Rüdiger

Am 1. Mai 1850 erwarb also der Apotheker Rüdiger aus Herzberg am Harz, „im Königreich Hannover“ die Hof-Apotheke „mit allen Gebäulichkeiten und Gerechtsamen“. Damit begann eine neue Ära, von 1850 bis 1958 waren es drei Generationen Rüdiger, die die Apotheke führten. (Adolph Friedrich Rüdiger von 1850-1876; Dr. Adolf Rüdiger (zeitweise zus. mit seinem Bruder Karl) von 1878-1923 und von 1923-1958 waren es Hermann Rüdiger (bis 1951) sowie Dr. Adolf Rüdiger, der die Apotheke 1958 an Wolfgang Dietrich verkaufte.

Vergleicht man die Inhaberfolge mit der der Engel-Apotheke, so kann man feststellen, dass es bei der letzteren häufig Frauen waren, die den Besitz vermittelten: Töchter oder Witwen, während die Hof-Apotheker meist Söhne hatten, die den Betrieb übernehmen konnten: Vier Generationen Müller, dann drei Generationen Rüdiger. Sicher ein Zufall. Jedenfalls kommen auf 332 Jahre Engel-Apotheke 20 Eigentümer und auf 300 Jahre Hof-Apotheke 12 (bzw. 14) und nun seit 2007 erstmals eine Apothekerin.

Adolph Friedrich Rüdiger erhielt am 27. August 1850 das von Landgraf Ferdinand eigenhändig unterzeichnete Privileg. In diesem wird auch der Zusatztitel „Hofapotheke zum Schwanen“ verwendet, der soweit ersichtlich, zwar im Privilegienstreit 1777 zwischen den beiden Homburger Apotheken gebraucht wurde, aber mit negativer Konnotation. Der Engel-Apotheker wandte sich „gegen die hier in praeiudicio meines Privilegii ungültig errichtete sogenannte Schwahnen Apotheck“. Es war nirgends zu finden, dass die Müllers selbst in den Schreiben die Bezeichnung „Zum Schwanen“ verwendeten. Erst im 19. Jahrhundert taucht das Attribut wieder auf, 1847 in der Privilegienbestätigung für Thuquet. Möglicherweise erkannte Thuquet das Schwanen-Emblem als publikumswirksame Reklame. Auch die Hof-Apotheker aus der Familie Rüdiger verwendeten dann gern den Schwan als Zeichen, wie Briefbogen, Rezeptformulare etc beweisen. Was aber sagt uns der Schwan? Der Schwan als Apothekenzeichen? In der Deutschen-Apotheken-Zeitung von 1963 lese ich als Deutung: Sein Bild soll den kranken und heilungsuchenden Menschen die Kraft geben, das Übel zu überwinden und in dem unvermeidbaren Tod nichts Furchtbares zu erblicken (nach Aelians Tierfabeln: Stichwort: „Schwanengesang“). Ob das den Patienten oder Kunden fröhlich stimmt, ist zu bezweifeln. Jedenfalls heißt sie heute nur Hof-Apotheke.

Wie üblich wurde Rüdiger die Apotheker-Instruktion vorgelesen und er wurde vereidigt, d.h.: Die Formel wurde vorgelesen, es hieß:  „...daß Sie dieser Instruction pünktlich und getreulich nachkommen, jederzeit Sr. Landgräflichen Durchlaucht und dem Landgräflichen Hause hold und gewärtig seyn, Höchstdessen Vortheil, soweit an Ihnen ist, fördern, Schaden und Nachtheil aber von demselben abwenden, überhaupt aber sich so betragen wollen, wie es einem rechtschaffenen Hof-Apotheker eignet und gebührt.“ Dann musste er geloben: „Was mir jetzt vorgelesen worden ist, und ich wohl verstanden habe, dem gelobe ich in allen Stücken getreulich nachzukommen, so wahr mir Gott helfe und sein heiliges Wort.“ Apothekereide haben eine lange Geschichte, sie wurden in den einzelnen Territorien sehr verschieden gehandhabt und hatten unterschiedliche Rechtswirkung. Übrigens hat der Weltverband der Apotheker (FIP) 2014 einen internationalen Eid für Pharmazeuten vorgestellt, der zB bei Examensfeiern o.ä. geschworen werden soll, ähnlich dem hippokratischen Eid der Ärzte.

Die letzte Privilegienbestätigung für die Hof-Apotheke erhielt Adolph Friedrich Rüdiger nach dem Heimfall Hessen-Homburgs an Darmstadt, und zwar durch Großherzog Ludwig III. am 1. Juni 1866. Das Schild mit der Bezeichnung „Grossherzoglich Hessische Privilegirte Hof- und Schloss-Apotheke“ ist eines der vier Apotheken-Schilder, die sich heute im Deutschen Apotheken-Museum in Heidelberg befinden. Der Nachfolger Dr. Adolf Rüdiger erhielt noch weitere Prädikate, die zur Blütezeit des „Fürstenbades“ Homburg begehrt und werbewirksam waren, er reihte sich unter die Hoflieferanten verschiedener Fürstlichkeiten ein: „Hof-Apotheker Sr. Majestät des Königs von Preußen“ (1881) und „Hof-Apotheker Sr. Königl. Hoheit des Grossherzogs von Mecklenburg-Strelitz“ (1888). Sein Enkel, Herr Albrecht Rüdiger hat Schriftstücke zur Verfügung gestellt, die Prädikate aus dem englischen Königshaus und seitens der Prinzessin Christian von Schleswig-Holstein (1887) belegen (Helena, eine Tochter der Queen Victoria). Die Führung der Hoflieferanten-Prädikate auswärtiger Fürstenhäuser musste natürlich von Homburgs neuen Landesherrn, den Hohenzollern genehmigt werden. Nach der Annexion 1866 gehörte Homburg bekanntlich zu Preußen. Der Kurbetrieb erlebte durch die Anwesenheit der Kaiserfamilie großen Auftrieb: Homburg wurde zum „Fürstenbad“.

Dr. Adolf Rüdiger war ein cleverer Geschäftsmann: er engagierte sich im Kurbetrieb auf vielfältige Weise: so pachtete er 1888 den Brunnenversand, der seit 1873 in Händen der Stadt gelegen hatte und führte ab 1.1.1889 bis 1905 die „Brunnenverwaltung zu Homburg v.d. Höhe Dr. A. Rüdiger & Co“. Seit 1910 war er an der Einführung verschiedener Heilmittel beteiligt (Kamillosan, Treupel’sche Tabletten gegen Fieber und Schmerzen) und 1920 war er Mitgründer der „Chemisch-Pharmazeutischen Werke Bad Homburg AG“. Auch andere Produkte, die mit dem Kurbetrieb in Verbindung standen, ließ er herstellen: so die „Homburger Elisabethen-Seife“ zur Hautpflege, produziert von der Fa Mouson in Frankfurt am Main. An diese Tradition knüpfte die Hof-Apotheke an, 1998 stellte sie die „Crème de Louise“ vor, deren Hauptbestandteil die Salze des Solesprudels im Kurpark sind.

Dr. Rüdiger setzte sich für seinen Berufsstand ein: Er war Vorsteher des Kreises Nassau des Dt. Apotheker-Vereins und Vorsitzender des Preußischen Apotheker-Kammer-Ausschusses. Der vielseitige und vielbeschäftigte Mann betätigte sich auch als Kommunalpolitiker in Homburg; 1891 wurde er in die Stadtverordnetenversammlung gewählt; 1895 wurde er Stadtverordnetenvorsteher. Bekannt war der Hof-Apotheker in Homburg auch durch seine Verbindung zum Hohenzollernhaus, vor allem zu Kaiser Wilhelm II.

 

Die jüngsten 50 Jahre

Rüdigers Söhne Hermann (1884-1951) und Adolf (1885-1967) wählten wie er den Apothekerberuf und führten die Hof-Apotheke weiter, Hermann bis zu seinem Tod 1951; Dr. Adolf Rüdiger jun. war der letzte aus der Reihe der Hof-Apotheker Rüdiger; er verpachtete die Apotheke 1958 an Wolfgang Dietrich, der 1960/61 einen gründlichen Umbau vornahm, die gesamte Offizin mit Verkaufsraum, Labor und Lager erhielt eine neue Ausstattung. Das war zwar sicher nötig, aber leider ging dabei nicht nur die historische Einrichtung verloren (von den Apotheken-Schildern war schon die Rede), sondern auch viel altes Schriftgut zur Geschichte der Apotheke. 1971 wurden erstmals Haus und Apotheke getrennt, das Gebäude wurde an eine Grundstücksgenossenschaft verkauft und die Apotheke an den bisherigen Pächter Dietrich. 1983 erwarb dann Dr. Dieter Steinbach die Apotheke, er war zuvor Leiter des Zentrallaboratoriums Deutscher Apotheker in Eschborn. Ab 2002 hatte Dr. Steinbach zusammen mit Doris Schartmann die Leitung der Hof-Apotheke, letztere kaufte die Apotheke 2007. Wie erwähnt, gab es in (Bad) Homburg bis 1941 nur die beiden alten Apotheken Engel- und Hof-Apotheke, 1941 kam die Hirsch-Apotheke hinzu. Im Jubiläumsjahr 2016 gibt es in Bad Homburg 17 Apotheken (incl. der in den Hochtaunuskliniken).

2008 wurde die Apotheke komplett umgebaut und modernisiert, wozu ein vollautomatisches Warenlager gehört. Neben dem Verkauf industriell hergestellter Medikamente verzeichnet sie pro Jahr über 3000 „Rezepturen“, d.h. für den einzelnen Patienten verfertigte Heilmittel, darunter Cremes und Salben, sterile Augentropfen, sowie – besonders wichtig: Kinderdosierungen, d.h. spezielle Kapseln für kleine Kinder. Seit 2004 gibt es ein TÜV-zertifiziertes Qualitätsmanagement. Die Hof-Apotheke ist – besonders wichtig in diesem Betrieb – barrierefrei zu erreichen. Auch Leistungen für den Kurbetrieb, wie sie durch die Hof-Apotheker schon seit den Müllers und Rüdigers erbracht wurden, erbringt die Hof-Apotheke: heute noch ist sie für die monatlichen Brunnenuntersuchungen zuständig.

 

Fazit

Die 300 Jahre des Bestehens der Hof-Apotheke seit ihrer Gründung 1716 kann man wie folgt zusammenfassen: Die ersten 150 Jahre waren die „Müller-Jahre“: Aufbau und Konkurrenzkampf in unübersichtlichem Gelände, es ging auch um Gunst und Ungunst der Fürsten. Von rationaler Organisation des Medizinbetriebs konnte noch keine Rede sein. Nach dem etwas unglücklichen Zwischenspiel Thuquet 1833-1850 folgten die 100 „Rüdiger-Jahre“: Verbindung mit dem Homburger Kurbetrieb und unternehmerisches Engagement. Und die jüngsten 50 Jahre? Es geht um Modernisierung, Erweiterung des Sortiments, Patienten- und Kundenfreundlichkeit und Sicherheit durch Qualitätsmanagement.

 

Am Beispiel der Geschichte der Hofapotheke zeigt sich, dass die Akten des Stadtarchivs wie auch des Hessischen Hauptstaatsarchivs Wiesbaden interessante Fakten und Aspekte zum Verhältnis zwischen Apothekern und Ärzten und zur frühen Geschichte der medizinischen Versorgung eines kleinen Territoriums wie der Landgrafschaft Hessen-Homburg beinhalten. Allgemein ist festzustellen, dass dieser Teil der homburgischen Historie noch viele weiße Flecken bietet und eine nähere Untersuchung wert wäre.

 

 

Literatur

- [Rüdiger, Wilhelm], Die Hofapotheke zu Bad Homburg v.d.H. 1716-1916, FS, Frankfurt am Main (1916)

- Lotz, Friedrich: Geschichte der Stadt Bad Homburg vor der Höhe, II. Die Landgrafenzeit, Frankfurt am Main 1972, S. 149 f.

- Walsh, Gerta: 275 Jahre Hof-Apotheke, Bad Homburg, Bad Homburg 1991

Die Abfolge der Eigentümer ist in diesen Schriften nirgends korrekt wiedergegeben. Die biografischen Daten sind z.T. fehlerhaft.

 

- Dölemeyer, Barbara: 300 Jahre Hof-Apotheke. Neues aus der Homburger Medizingeschichte, in: Unser Homburg 2016, Heft 7, S. 9-16

- Dölemeyer, Barbara: 300 Jahre Hof-Apotheke – die zweiten 100 Jahre und 50 Jahre bis zum Jubiläum, in: Unser Homburg 2016, Heft 9 (im Druck)

- Dölemeyer, Barbara: 300 Jahre Hof-Apotheke (1716-2016) – ein Beitrag zur Homburger Apotheker- und Ärztegeschichte, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Landeskunde Bad Homburg v.d. Höhe 65 (2016), S. 57-90

 

 

Barbara Dölemeyer

 

Die 300jährige Geschichte der Hof-Apotheke bietet interessante Einblicke in die lokale Medizingeschichte. Für die ersten 150 Jahre kann man eine Entwicklung hin zu einer besseren Organisation des Apotheker- und Ärztewesens in der Landgrafschaft Hessen-Homburg konstatieren. Diese Epoche ist durch vier Generationen Hof-Apotheker Müller geprägt (es folgt das Zwischenspiel des etwas unglücklichen Jakob Leonhard Thuquet). Für die darauffolgenden 100 Jahre seien die Einbindung in den Homburger Kurbetrieb, die Entwicklung neuer Arzneimittel sowie die Erweiterung des pharmazeutischen Wissens als wichtige Faktoren genannt; es war die „Ära Rüdiger“. Für die jüngsten 50 Jahre ist es nicht so einfach, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Einige Episoden aus den 300 Jahren des Bestehens der Hof-Apotheke sollen hier illustriert werden. Wir können Kurioses über die medizinische Versorgung im 18. Jahrhundert erfahren und dann froh sein, dass wir heute leben und unsere Gesundheit nicht von Badern und Balbierern, Kräuterweiblein und Spirituskrämern abhängt.

Werfen wir einen Blick in die kleine Residenzstadt Homburg zu Anfang des 18. Jahrhunderts: in die Dorotheenstraße, angelegt von Landgraf Friedrich III. Jacob zum Ausbau der Neustadt. Sie führte direkt zum Schlosseingang und sollte eine vornehme Adresse sein und bleiben. Deshalb nahm der Landgraf Einfluss auf die Auswahl der Hauseigentümer und die Gestalt der Häuser. 1716 baute dort der Apotheker Zacharias Müller ein Haus, in dem er dann Wohnung und Offizin hatte. Der Hausbau war Bedingung für sein Privileg als „Unßer Hof- Statt- und Landt- Apothecker“, das vom 16. September 1716 datiert. Interessant beim Hof-Apotheken-Privileg ist, dass es auch den Schutz der Apotheke vor möglicher Konkurrenz regelte: Ärzte sollten Medikamente nicht selbst herstellen dürfen, sondern diese den Patienten für die Beschaffung bei der Apotheke verschreiben, gleiches galt für „Barbierer oder Bader“, auch unlautere Konkurrenz durch „Öhl- und Spiritus-Krämer und Landstreicher“ sollte ausgeschlossen sein. Die späteren Erneuerungen und Übertragungen der Privilegien ergänzen jeweils den Inhalt und passen ihn den aktuellen Verhältnissen an.

 

Die Zeit der Hof-Apotheker aus der Familie Müller

Über Zacharias Müller sind im lokalen Schrifttum nur wenige Angaben zu finden und diese sind widersprüchlich und z.T. falsch. Das gilt auch für die Lebensdaten der weiteren Eigentümer der Hof-Apotheke aus der Familie Müller, die bis 1833 deren Geschick lenkten. Aus Kirchenbüchern, Universitätsmatrikeln und Promotionsverzeichnissen sowie aus den umfangreichen Akten über Ärzte und Apotheker in Hessen-Homburg, die sich im Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden und im Stadtarchiv Bad Homburg befinden, konnte viel bislang Unbekanntes zu Tage gebracht werden. Zacharias Müller wurde am 31. Oktober 1681 als Sohn des Bierbrauers Zacharias Müller in Blankenburg (Harz) geboren. Nachgewiesen ist seine Apothekerlehre in Großbottwar (Württemberg), was aus den biografischen Angaben zu seinem Bruder Michael Müller, einem frühpietistischen Dichter hervorgeht. Als Kammerdiener und Hofapotheker war er von 1707 bis um 1710 in Neuenstadt (Kocher) tätig; seine erste Frau Katharina Elisabeth, geb. Kern war Kammerjungfer bei Prinzessin Auguste von Württemberg-Neuenstadt, einer württembergischen Nebenlinie. Nach ihrem Tod 1709 heiratete er nochmals und mit dieser zweiten Frau Eleonore Barbara Schölldörfer kam er nach Homburg vor der Höhe, wo drei ihrer Kinder geboren wurden: zwei Töchter (1718, 1720) und der Sohn Johann Friedrich Wilhelm (1724-1787), der Zacharias‘ Nachfolger wurde. Zuvor hatten sie zwei Söhne bekommen, deren Geburtsort unbekannt ist: Philipp Christian Wilhelm (*1712, †1789) und Johann Heinrich (*1715).

In Homburg fand er Eingang in eine Hofgesellschaft ganz spezieller Art. Denn der Landgraf umgab sich zum einen mit religiösen Sektierern und zum andern war er alchimistischen Versuch(ung)en gegenüber „anfällig“. Oft verbanden sich auch diese beiden Elemente.

Die Häuser Dorotheenstraße 8, 10 und 12 (spätere Zählung) sind zeugen dafür: In Nr. 8 wohnte und praktizierte der landgräfliche Leibarzt Johann Philipp Kämpf, der zwar Theologie, aber nie Medizin studiert hatte. Seine spezielle Heilmethode war das „Klistieren“, das er als Heilmittel für nahezu alle Krankheiten propagierte. Kämpf war auch das Haupt der sog. Inspirationsgemeinde, die in Homburg Toleranz und Aufnahme gefunden hatte. Haus Nr. 10 beherbergte die Hof-Apotheke und in Nr. 12 wohnte und experimentierte Hofrat Johann Samuel von Ploennies, ein bekannter Alchimist und „Goldmacher“. Gold wurde zwar nie gemacht, aber für einen Apotheker, der die nötigen Tinkturen und Mittel lieferte, brachte das Labor sicher gutes Geschäft. Die landgräflichen Finanzen litten hingegen schwer unter diesen Experimenten. Zacharias Müllers Sohn heiratete übrigens eine Nichte des Samuel von Ploennies, ein Netz verwandtschaftlicher Beziehungen zog sich durch die ganze Dorotheenstraße, damals sozusagen ein „Alchimisten-Nest“. Ein Problem für den Hof-Apotheker war aber sein Nachbar in Nr. 8: der erwähnte Johann Philipp Kämpf, eine Art Laienheiler, war nicht nur landgräflicher Leibarzt, sondern auch „Stadt- und Landphysicus“, also sozusagen Amtsarzt, ihm oblag auch die Kontrolle der Apotheken. Das war schon schlimm genug, aber Kämpf bot in seinem Haus Nr. 8 den Patienten auch stationären Aufenthalt, ja ganze Kuren an und er stellte die erforderlichen Medikamente selbst her und verkaufte sie (sein Werbespruch war: „Logis, Tisch und Bett samt den Universal-Clistieren mit allem was dazu gehört…“).  Das führte nun zu einem längeren Rechtsstreit zwischen dem Arzt ohne Medizinstudium und beiden Homburger Apothekern (auch die 1684 gegründete Engel-Apotheke war betroffen). Die Apotheker beriefen sich auf die hessen-homburgische Medizinal-Ordnung von 1729, in der es hieß: „... alß wird Unßern respect. Medicis, Stadt- und Land-Physico ...[nicht verstattet] außer ihrer gewöhnlicher Verschreibung ihrer recepten in die hießige Apotecken dergleichen Medicamenta selbsten auszutheilen,...“. Es sei hingegen „billig und löblich, daß die Medici und Apothecker in guter und freundlicher Correspondentz leben“ (Privileg 1716). Dies war aber schwer durchzusetzen: Der Pseudo-Doktor Kämpf verkaufte weiter seine Medicamenta; wer das Ohr des Landgrafen hatte, konnte sich allerhand erlauben.

Vielleicht haben die Apotheker Müller daraus gelernt: In den nächsten beiden Generationen wurde die Hof-Apotheke nämlich von zwei Ärzten geführt: Dr. med. Johann Friedrich Wilhelm und Dr. med. Georg Friedrich Carl Müller, beide Leibarzt, beide Hofrat. Zu dieser Zeit war es also möglich, dass ein Arzt selbst eine Apotheke führte. Später wurde bei Erneuerung der Apotheken-Privilegien immer eine Bestimmung eingefügt, „daß die Apotheke niemals an einen Arzt verkauft oder sonst überlaßen werden dürfe“.

Auch was die – ältere – Engel-Apotheke betrifft,  gab es Kontroversen: Im Kampf gegen spirituellen Laiendoktor Kämpf zogen Hof-Apotheker und Engel-Apotheker sozusagen an einem Strang, sonst aber war ihre Beziehung von langjährigem Streit gekennzeichnet. Im Privileg 1716 hatte der Landgraf nämlich dem Hof-Apotheker Müller zugesagt, dass beim Tod des ersten Inhabers der Engel-Apotheke diese geschlossen werden solle („cassiret“). Offenbar dachte man, Homburg böte nicht genug Kundschaft für zwei Apotheken. Als aber 1728 der Fall eintrat und der Schwiegersohn des ersten Engel-Apothekers nachfolgte, erhob Zacharias Müller viele Beschwerden, klagte über seinen baldigen Ruin etc. Aber die Bewohner der Altstadt konnten den Fürsten davon überzeugen, dass sie die (Engel-)Apotheke brauchten, da man im Notfall bei geschlossenem Stadttor nicht rasch genug an Medizin in der Neustadt-Apotheke gelangen könne. So blieb die Engel-Apotheke bestehen. Insofern hat sich der Landgraf in seinen Entscheidungen schlicht und einfach widersprochen, und dann korrigiert. Die beiden Apotheker-Kontrahenten blieben einander nichts schuldig; jeder bestritt dem andern die Daseinsberechtigung. Aber wie man sieht, konnte Homburg doch zwei Apotheken verkraften und diese blieben bis 1941 die beiden einzigen.

Kommen wir zurück zum dritten in der Reihe der Hofapotheker Müller: Georg Friedrich Karl (1761-1811). Er studierte Medizin in Göttingen und Gießen, wo er am 1. März 1784 den medizinischen Doktorgrad erlangte. Später praktizierte er als Dr. med. in Homburg, erhielt den Titel Hofrat, wurde auch landgräflicher Leibarzt. Als behandelnder Arzt Friedrich Hölderlins ging er sogar in die Literaturgeschichte ein, zum einen durch die Charakterisierung durch diesen selbst: „…es ist ein immer heiterer, treuherziger Mann, der einen wenigstens auf Augenblicke schon durch sein gesundes menschenfreundliches Gesicht heilen kann. Er ist der Mann für alle Hypochonder.“ Zum andern bewahrte sein am 9. April 1805 erstattetes Gutachten über Hölderlins Geisteszustand im Zusammenhang mit dem Untersuchungsverfahren und der Arrestierung Isaac von Sinclairs den Dichter vor der Verhaftung durch die Württembergischen Behörden. Er ist also weniger als Hof-Apotheker bekannt geworden, denn als Arzt Friedrich Hölderlins. Hofrat Dr. Müller (Georg Friedrich Carl) war auch Stadt- und Landphysicus, also etwa Amtsarzt. Man kann sich sicher vorstellen, wie schwierig es ist, selbst für eine kleine Stadt wie Homburg, die diversen Namensträger „Müller“ auseinanderzuhalten und die Personen zu identifizieren. Außerdem steht in den Akten meist nur „Hofrat Müller“, „Dr. Müller“ o.ä.

Georg Friedrich Karl Müller und seine Frau hatten sechs Kinder, die in Homburg geboren wurden. Die beiden ältesten Söhne Carl August Wilhelm (1790-1814) und Carl (1791-1860) werden in der Literatur z.T. verwechselt, ihre Daten vermengt, daher seien hier die genauen Daten genannt. Carl August Wilhelm studierte Medizin in Gießen (1807), Würzburg (1809) und Heidelberg (1810) und erwarb in Gießen am 17. Juni 1811 den Doktorgrad. Er scheint nicht als Hof-Apotheker auf, obgleich er 1811 einmal als Apothekengehilfe genannt ist. 1813 wurde er zum Fürstlichen Hofrat und Leibarzt ernannt. Er starb bereits 1814; der zweite Sohn, Carl Müller übernahm nach dem Tod seiner Mutter Anfang 1824 die Apotheke. Der dritte Bruder Isaak Friedrich (1793-1870) studierte ebenfalls Medizin; ihm wurde von Landgraf Friedrich V. Ludwig bereits 1814 zugesagt, er werde die Hofratsstelle, die seine Vorfahren und auch sein gerade verstorbener Bruder in treuen Diensten ausgeübt hatten, nach Studienabschluss erhalten. Dies geschah tatsächlich: Nachdem er in Gießen 1818 den Doktorgrad der Medizin erhalten hatte, wurde er im September 1819 zum Hofrat ernannt, wobei seine Besoldung von 150 fl dadurch aufgebracht wurde, dass die bis dahin seiner Schwägerin, der Witwe Carl Wilhelm August Müllers, Charlotte Henriette geb. Susewind gewährte Pension „mit Ende dieses Monats aufhören sollte.“

Beim Tod Georg Friedrich Karl Müllers konnte noch keiner seiner drei Söhne die Apotheke übernehmen. Deshalb war – und dies war bislang unbekannt – seine Witwe Wilhelmine Louise, geb. Schettla immerhin von 1811 bis Ende 1823 Eigentümerin der Apotheke. Geführt wurde sie wohl durch einen Provisor (Georg Samuel Rauh). Die erste Hofapotheken-Eigentümerin war also die Witwe Müller, geb. Schettla; die heutige Eigentümerin, Doris Schartmann ist aber die erste richtige Hofapothekerin. Denn im 19. Jahrhundert, wen wundert es, konnten ja Frauen noch nicht studieren. Im 20. Jahrhundert war das anders: Eine in Homburg nicht unbekannte Apothekerin, Else Kröner, geb. Fernau konnte 1952 ihr Studium in Erlangen mit der Approbation zur Apothekerin abschließen, sie wurde aber eher als Unternehmerin bekannt.

 

Nach dem Tode der Wilhelmine Louise Müller übernahm also ihr Sohn Karl 1824 die Hof-Apotheke: der fünfte Eigentümer war – wie der Begründer Zacharias Müller – wieder  ausgebildeter Pharmazeut: Er hatte in Gießen Pharmazie und Medizin studiert. Er war unternehmungslustig und verlegte die Apotheke aus der Dorotheenstraße 10, wo sie über 100 Jahre bestanden hatte, in die Louisenstraße. Er erkannte wohl früh, dass sich mit dem beginnenden Kurbetrieb der Schwerpunkt des Homburger Geschäftslebens verlagerte. Zusammen mit seinem Bruder, dem Hofrat und Leibarzt Dr. Isaak Friedrich Müller, ersteigerte er für 4.600 fl. aus herrschaftlichem Besitz ein Haus „in der hiesigen Luisengasse“, das sich allerdings in desolatem Zustand befand, wie die Akten aussagen. Die Hausnummer ist hier nicht genannt, es muss aber das Haus Ecke Waisenhausplatz sein, damals Nr. 53 heute 55. Dorthin verlegte er 1829 die Apotheke. Er muss ziemlich investiert haben, denn für 28.000 fl. verkaufte er 1833 Haus und Apotheke an Jacob Leonhard Thuquet aus Mainz. Karl Müller wanderte nach Amerika aus, kam aber bald – wohl enttäuscht – zurück und fand dann eine Stelle in der 1837 neu eingerichteten landgräflichen Brunnenverwaltung. Er war verantwortlich für den Brunnenversand, machte Reklame für die Homburger Heilquellen, verfasste Brunnenschriften auch in englisch und französisch. Alles in allem war er eine Art „Marketing-Direktor“.

 

Die zweite Epoche der Hof-Apotheke, ab etwa 1830 war durch die Verbindung mit dem Homburger Kurbetrieb geprägt. Sowohl die Inhaber der Hof-Apotheke (Carl Müller, Thuquet und dann die Familie Rüdiger) wie auch die Inhaber der Engel-Apotheke machten sich um die Entwicklung des Kurbades Homburg verdient. In Zusammenarbeit mit Ärzten wie Dr. Eduard Christian Trapp und Dr. (Isaak) Friedrich Müller und später Dr. Wilhelm Deetz beteiligten sie sich an der Förderung des Kurbetriebs, der Analyse und Vermarktung der Quellen wie auch der Propagierung des „Bades“ Homburg. Einen Kurdirektor, der das alles managen soll, gab es erst ab 1872.

 

Zwischenspiel Jacob Leonhard Thuqet

Jacob Leonhard Thuquet, der 1833 die Apotheke kaufte kann man als Intermezzo zwischen Müller und Rüdiger bezeichnen. Er wurde bekannt durch seine private Badeanstalt neben der Hof-Apotheke; er baute sie zu einem mit allem Komfort versehenen Etablissement aus, es gab unterschiedliche Sorten Bäder, darunter Dampfbäder, Fichtennadelbäder und Süßbäder. Das Mineralwasser aus den Quellen wurde in eine Zisterne unter den Badezellen geleitet, wie ein im Stadtarchiv erhaltener Bauplan zeigt. Als 2008 im Hof hinter der Apotheke ein neuer Parkplatz gebaut wurde, kamen Mauerreste davon zu Tage.

Im Laufe der Zeit muss Thuquet aber in Schwierigkeiten geraten sein und sich dem Trunk ergeben haben. In seinem Apotheken-Keller hatte er größere Bestände an Spirituosen, denen er selbst bereits am frühen Morgen zusprach, wie die Gehilfen zu Protokoll gaben. Er war häufig betrunken, fing Streit mit Angestellten, Ehefrau und auch mit den Kunden an. Schließlich wurde ihm der Aufenthalt in den Apothekenräumen und im Laboratorium untersagt und verboten, sich in den Geschäftsbetrieb zu mischen, „so lange er nicht durch ärztliches Zeugniß bewiesen habe, daß er körperlich und geistig wieder fähig sey, einem Geschäfte vorstehen zu können“. Es kam zur (Zwangs)Verwaltung: Sein Schwager Franz Merz aus Frankfurt wurde zum Provisor bestellt. Der Verkauf an Adolph Friedrich Rüdiger im Mai 1850 war also nicht ganz freiwillig, was bislang nicht bekannt war. Nachzutragen ist, dass 1852 Curatel über Thuquet beantragt wurde.

 

Die Ära Rüdiger

Am 1. Mai 1850 erwarb also der Apotheker Rüdiger aus Herzberg am Harz, „im Königreich Hannover“ die Hof-Apotheke „mit allen Gebäulichkeiten und Gerechtsamen“. Damit begann eine neue Ära, von 1850 bis 1958 waren es drei Generationen Rüdiger, die die Apotheke führten. (Adolph Friedrich Rüdiger von 1850-1876; Dr. Adolf Rüdiger (zeitweise zus. mit seinem Bruder Karl) von 1878-1923 und von 1923-1958 waren es Hermann Rüdiger (bis 1951) sowie Dr. Adolf Rüdiger, der die Apotheke 1958 an Wolfgang Dietrich verkaufte.

Vergleicht man die Inhaberfolge mit der der Engel-Apotheke, so kann man feststellen, dass es bei der letzteren häufig Frauen waren, die den Besitz vermittelten: Töchter oder Witwen, während die Hof-Apotheker meist Söhne hatten, die den Betrieb übernehmen konnten: Vier Generationen Müller, dann drei Generationen Rüdiger. Sicher ein Zufall. Jedenfalls kommen auf 332 Jahre Engel-Apotheke 20 Eigentümer und auf 300 Jahre Hof-Apotheke 12 (bzw. 14) und nun seit 2007 erstmals eine Apothekerin.

Adolph Friedrich Rüdiger erhielt am 27. August 1850 das von Landgraf Ferdinand eigenhändig unterzeichnete Privileg. In diesem wird auch der Zusatztitel „Hofapotheke zum Schwanen“ verwendet, der soweit ersichtlich, zwar im Privilegienstreit 1777 zwischen den beiden Homburger Apotheken gebraucht wurde, aber mit negativer Konnotation. Der Engel-Apotheker wandte sich „gegen die hier in praeiudicio meines Privilegii ungültig errichtete sogenannte Schwahnen Apotheck“. Es war nirgends zu finden, dass die Müllers selbst in den Schreiben die Bezeichnung „Zum Schwanen“ verwendeten. Erst im 19. Jahrhundert taucht das Attribut wieder auf, 1847 in der Privilegienbestätigung für Thuquet. Möglicherweise erkannte Thuquet das Schwanen-Emblem als publikumswirksame Reklame. Auch die Hof-Apotheker aus der Familie Rüdiger verwendeten dann gern den Schwan als Zeichen, wie Briefbogen, Rezeptformulare etc beweisen. Was aber sagt uns der Schwan? Der Schwan als Apothekenzeichen? In der Deutschen-Apotheken-Zeitung von 1963 lese ich als Deutung: Sein Bild soll den kranken und heilungsuchenden Menschen die Kraft geben, das Übel zu überwinden und in dem unvermeidbaren Tod nichts Furchtbares zu erblicken (nach Aelians Tierfabeln: Stichwort: „Schwanengesang“). Ob das den Patienten oder Kunden fröhlich stimmt, ist zu bezweifeln. Jedenfalls heißt sie heute nur Hof-Apotheke.

Wie üblich wurde Rüdiger die Apotheker-Instruktion vorgelesen und er wurde vereidigt, d.h.: Die Formel wurde vorgelesen, es hieß:  „...daß Sie dieser Instruction pünktlich und getreulich nachkommen, jederzeit Sr. Landgräflichen Durchlaucht und dem Landgräflichen Hause hold und gewärtig seyn, Höchstdessen Vortheil, soweit an Ihnen ist, fördern, Schaden und Nachtheil aber von demselben abwenden, überhaupt aber sich so betragen wollen, wie es einem rechtschaffenen Hof-Apotheker eignet und gebührt.“ Dann musste er geloben: „Was mir jetzt vorgelesen worden ist, und ich wohl verstanden habe, dem gelobe ich in allen Stücken getreulich nachzukommen, so wahr mir Gott helfe und sein heiliges Wort.“ Apothekereide haben eine lange Geschichte, sie wurden in den einzelnen Territorien sehr verschieden gehandhabt und hatten unterschiedliche Rechtswirkung. Übrigens hat der Weltverband der Apotheker (FIP) 2014 einen internationalen Eid für Pharmazeuten vorgestellt, der zB bei Examensfeiern o.ä. geschworen werden soll, ähnlich dem hippokratischen Eid der Ärzte.

Die letzte Privilegienbestätigung für die Hof-Apotheke erhielt Adolph Friedrich Rüdiger nach dem Heimfall Hessen-Homburgs an Darmstadt, und zwar durch Großherzog Ludwig III. am 1. Juni 1866. Das Schild mit der Bezeichnung „Grossherzoglich Hessische Privilegirte Hof- und Schloss-Apotheke“ ist eines der vier Apotheken-Schilder, die sich heute im Deutschen Apotheken-Museum in Heidelberg befinden. Der Nachfolger Dr. Adolf Rüdiger erhielt noch weitere Prädikate, die zur Blütezeit des „Fürstenbades“ Homburg begehrt und werbewirksam waren, er reihte sich unter die Hoflieferanten verschiedener Fürstlichkeiten ein: „Hof-Apotheker Sr. Majestät des Königs von Preußen“ (1881) und „Hof-Apotheker Sr. Königl. Hoheit des Grossherzogs von Mecklenburg-Strelitz“ (1888). Sein Enkel, Herr Albrecht Rüdiger hat Schriftstücke zur Verfügung gestellt, die Prädikate aus dem englischen Königshaus und seitens der Prinzessin Christian von Schleswig-Holstein (1887) belegen (Helena, eine Tochter der Queen Victoria). Die Führung der Hoflieferanten-Prädikate auswärtiger Fürstenhäuser musste natürlich von Homburgs neuen Landesherrn, den Hohenzollern genehmigt werden. Nach der Annexion 1866 gehörte Homburg bekanntlich zu Preußen. Der Kurbetrieb erlebte durch die Anwesenheit der Kaiserfamilie großen Auftrieb: Homburg wurde zum „Fürstenbad“.

Dr. Adolf Rüdiger war ein cleverer Geschäftsmann: er engagierte sich im Kurbetrieb auf vielfältige Weise: so pachtete er 1888 den Brunnenversand, der seit 1873 in Händen der Stadt gelegen hatte und führte ab 1.1.1889 bis 1905 die „Brunnenverwaltung zu Homburg v.d. Höhe Dr. A. Rüdiger & Co“. Seit 1910 war er an der Einführung verschiedener Heilmittel beteiligt (Kamillosan, Treupel’sche Tabletten gegen Fieber und Schmerzen) und 1920 war er Mitgründer der „Chemisch-Pharmazeutischen Werke Bad Homburg AG“. Auch andere Produkte, die mit dem Kurbetrieb in Verbindung standen, ließ er herstellen: so die „Homburger Elisabethen-Seife“ zur Hautpflege, produziert von der Fa Mouson in Frankfurt am Main. An diese Tradition knüpfte die Hof-Apotheke an, 1998 stellte sie die „Crème de Louise“ vor, deren Hauptbestandteil die Salze des Solesprudels im Kurpark sind.

Dr. Rüdiger setzte sich für seinen Berufsstand ein: Er war Vorsteher des Kreises Nassau des Dt. Apotheker-Vereins und Vorsitzender des Preußischen Apotheker-Kammer-Ausschusses. Der vielseitige und vielbeschäftigte Mann betätigte sich auch als Kommunalpolitiker in Homburg; 1891 wurde er in die Stadtverordnetenversammlung gewählt; 1895 wurde er Stadtverordnetenvorsteher. Bekannt war der Hof-Apotheker in Homburg auch durch seine Verbindung zum Hohenzollernhaus, vor allem zu Kaiser Wilhelm II.

 

Die jüngsten 50 Jahre

Rüdigers Söhne Hermann (1884-1951) und Adolf (1885-1967) wählten wie er den Apothekerberuf und führten die Hof-Apotheke weiter, Hermann bis zu seinem Tod 1951; Dr. Adolf Rüdiger jun. war der letzte aus der Reihe der Hof-Apotheker Rüdiger; er verpachtete die Apotheke 1958 an Wolfgang Dietrich, der 1960/61 einen gründlichen Umbau vornahm, die gesamte Offizin mit Verkaufsraum, Labor und Lager erhielt eine neue Ausstattung. Das war zwar sicher nötig, aber leider ging dabei nicht nur die historische Einrichtung verloren (von den Apotheken-Schildern war schon die Rede), sondern auch viel altes Schriftgut zur Geschichte der Apotheke. 1971 wurden erstmals Haus und Apotheke getrennt, das Gebäude wurde an eine Grundstücksgenossenschaft verkauft und die Apotheke an den bisherigen Pächter Dietrich. 1983 erwarb dann Dr. Dieter Steinbach die Apotheke, er war zuvor Leiter des Zentrallaboratoriums Deutscher Apotheker in Eschborn. Ab 2002 hatte Dr. Steinbach zusammen mit Doris Schartmann die Leitung der Hof-Apotheke, letztere kaufte die Apotheke 2007. Wie erwähnt, gab es in (Bad) Homburg bis 1941 nur die beiden alten Apotheken Engel- und Hof-Apotheke, 1941 kam die Hirsch-Apotheke hinzu. Im Jubiläumsjahr 2016 gibt es in Bad Homburg 17 Apotheken (incl. der in den Hochtaunuskliniken).

2008 wurde die Apotheke komplett umgebaut und modernisiert, wozu ein vollautomatisches Warenlager gehört. Neben dem Verkauf industriell hergestellter Medikamente verzeichnet sie pro Jahr über 3000 „Rezepturen“, d.h. für den einzelnen Patienten verfertigte Heilmittel, darunter Cremes und Salben, sterile Augentropfen, sowie – besonders wichtig: Kinderdosierungen, d.h. spezielle Kapseln für kleine Kinder. Seit 2004 gibt es ein TÜV-zertifiziertes Qualitätsmanagement. Die Hof-Apotheke ist – besonders wichtig in diesem Betrieb – barrierefrei zu erreichen. Auch Leistungen für den Kurbetrieb, wie sie durch die Hof-Apotheker schon seit den Müllers und Rüdigers erbracht wurden, erbringt die Hof-Apotheke: heute noch ist sie für die monatlichen Brunnenuntersuchungen zuständig.

 

Fazit

Die 300 Jahre des Bestehens der Hof-Apotheke seit ihrer Gründung 1716 kann man wie folgt zusammenfassen: Die ersten 150 Jahre waren die „Müller-Jahre“: Aufbau und Konkurrenzkampf in unübersichtlichem Gelände, es ging auch um Gunst und Ungunst der Fürsten. Von rationaler Organisation des Medizinbetriebs konnte noch keine Rede sein. Nach dem etwas unglücklichen Zwischenspiel Thuquet 1833-1850 folgten die 100 „Rüdiger-Jahre“: Verbindung mit dem Homburger Kurbetrieb und unternehmerisches Engagement. Und die jüngsten 50 Jahre? Es geht um Modernisierung, Erweiterung des Sortiments, Patienten- und Kundenfreundlichkeit und Sicherheit durch Qualitätsmanagement.

 

Am Beispiel der Geschichte der Hofapotheke zeigt sich, dass die Akten des Stadtarchivs wie auch des Hessischen Hauptstaatsarchivs Wiesbaden interessante Fakten und Aspekte zum Verhältnis zwischen Apothekern und Ärzten und zur frühen Geschichte der medizinischen Versorgung eines kleinen Territoriums wie der Landgrafschaft Hessen-Homburg beinhalten. Allgemein ist festzustellen, dass dieser Teil der homburgischen Historie noch viele weiße Flecken bietet und eine nähere Untersuchung wert wäre.

 

 

Literatur

- [Rüdiger, Wilhelm], Die Hofapotheke zu Bad Homburg v.d.H. 1716-1916, FS, Frankfurt am Main (1916)

- Lotz, Friedrich: Geschichte der Stadt Bad Homburg vor der Höhe, II. Die Landgrafenzeit, Frankfurt am Main 1972, S. 149 f.

- Walsh, Gerta: 275 Jahre Hof-Apotheke, Bad Homburg, Bad Homburg 1991

Die Abfolge der Eigentümer ist in diesen Schriften nirgends korrekt wiedergegeben. Die biografischen Daten sind z.T. fehlerhaft.

 

- Dölemeyer, Barbara: 300 Jahre Hof-Apotheke. Neues aus der Homburger Medizingeschichte, in: Unser Homburg 2016, Heft 7, S. 9-16

- Dölemeyer, Barbara: 300 Jahre Hof-Apotheke – die zweiten 100 Jahre und 50 Jahre bis zum Jubiläum, in: Unser Homburg 2016, Heft 9 (im Druck)

- Dölemeyer, Barbara: 300 Jahre Hof-Apotheke (1716-2016) – ein Beitrag zur Homburger Apotheker- und Ärztegeschichte, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Landeskunde Bad Homburg v.d. Höhe 65 (2016), S. 57-90

 

 

 

 

 

 

 

Ein Text! Sie können ihn mit Inhalt füllen, verschieben, kopieren oder löschen.

 

 

Unterhalten Sie Ihren Besucher! Machen Sie es einfach interessant und originell. Bringen Sie die Dinge auf den Punkt und seien Sie spannend.