Rezension in den Nassauischen Annalen (NA) Band 122 (2011), S. 582-583

Barbara Dölemeyer: Louis Jacobi und seine Zeit. Homburger Architekt und
Bürger, Wiedererbauer der Saalburg. Bad Homburg v. d. H.: Verein für Geschichte und
Landeskunde, 2010 (Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Landeskunde Bad Homburg
v. d. H., 59. Heft 2010). 171 S. m. zahlr. Abb. ISBN 978-3-933921-12-3. Kart. € 10,–.

Ruxandra-Maria Jotzu, Gerta Walsh u. Alexander Wächtershäuser: Louis Jacobi.
Bad Homburg und sein Baumeister. Frankfurt am Main: Societäts-Verlag, 2010. 100 S.
m. 40 s/w-Abb. ISBN 978-3-7973-1244-0. Geb. € 12,80.

Das Jahr 2010 stand in Bad Homburg im Zeichen des hundertsten Todestages von Louis
Jacobi (1836–1910), dem Erbauer und ersten Direktor der Saalburg. In zahlreichen Veranstaltungen wurde das facettenreiche Wirken Jacobis in und für Homburg beleuchtet; für den ortsgeschichtlichen Ertrag des Jubiläums stehen die hier zu besprechenden Publikationen,
die sich der Person Jacobi aus unterschiedlichen Blickwinkeln nähern.


Eine ausgewogene, fundierte und gut lesbare Biographie hat Barbara Dölemeyer vorgelegt.
Die Verf.in greift dabei nicht nur auf die zahlreiche Literatur, sondern auch auf die
Archivbestände des Hessischen Hauptstaatsarchivs Wiesbaden, des Stadtarchivs Bad Homburg und des Archivs der Erlöserkirche in Bad Homburg zurück.

Leitfaden der Darstellung ist das Wirken Louis Jacobis als Protagonist der Bürgergesellschaft
im wilhelminischen Homburg. Der Hauptteil der Biographie ist Jacobis öffentlichem
Engagement gewidmet, nachdem er sich als Architekt und Bauunternehmer in der bürgerlichen
Gesellschaft Homburgs etabliert hatte. In zahlreichen Ehrenämtern, öffentlichen
Funktionen und inoffi ziellen Netzwerken gestaltete Jacobi seine Heimatstadt mit: Gewerbeverein
und Gewerbeschule, Feuerwehr, evangelische Kirchengemeinde, Leseverein,
Geschichtsverein, Taunusklub, Stadtrat, Kreistag und Kreisausschuss sind nur die wichtigsten
Tätigkeitsfelder dieses Engagements. V. a. ist und bleibt sein Name aber mit der Saalburg
dauerhaft verbunden: Als Archäologe, v. a. aber als Spiritus Rector für den Wiederaufbau
und den musealen Betrieb des Römerkastells darf Jacobi als „Erfi nder“ der Saalburg gelten.
Die zahlreichen Funktionen Jacobis in der städtischen Gesellschaft machen die Bio graphie
Jacobis fast schon zwangsläufi g zu einer kleinen Homburger Stadtgeschichte in der Epoche
des Wilhelminismus: Die Aufnahme Jacobis in das Homburger Bürgerrecht 1864 markierte
den formalen Beginn seiner öffentlichen Tätigkeit, die mit seinem Tod 1910 ein Ende fand –
eine Zeitspanne, die sich nahezu mit der Zugehörigkeit Homburgs zum preußischen Königreich
(1866–1918) deckte. Diesem Umstand trägt die Verf.in Rechnung: In der Darstellung
wird die allgemeine Entwicklung Homburgs in dieser Zeit entsprechend ausführlich dargestellt,
v. a. die großen Projekte der Saalburg und der Kirchenunion. Und da Geschichte von
Personen gemacht wird – erst recht auf kommunaler Ebene – schenkt die Autorin dem Beziehungsgefl
echt, in dem sich Jacobi bewegte, die gebührende Aufmerksamkeit. Das „Honoratioren-
Netzwerk der Stadt“, für das Jacobi ein „Knotenpunkt“ war (S. 61), wird konkret greifbar
in einem „Biographischen Anhang“, in dem 28 handelnde Personen – Honoratioren,
Mitarbeiter und Familie – mit lexikalischen Kurzbiographien vorgestellt werden. V. a. dieser
Anhang macht den vorliegenden Band über seinen engeren Gegenstand hinaus zu einem allgemeinen Nachschlagewerk für die Homburger Geschichte der Kaiserzeit. Es währe begrüßenswert, wenn diese Keimzelle für eine „Homburgische Biographie“ bei Gelegenheit fortgeführt und erweitert würde (bei der dann auch die eine oder andere kleine Lücke gestopft werden könnte, etwa mit Einträgen zu Philipp und Louis Lepper oder zu Adolf Rüdiger).


Der – nach allem, was auf seine politische Haltung schließen lässt – liberale Architekt
Jacobi in Homburg bildete als Typus gewissermaßen ein Pendant zu dem demokratischen
Verleger Leopold Sonnemann in Frankfurt, der unlängst Gegenstand einer Ausstellung im
Historischen Museum Frankfurt war: als herausragender Vertreter der Bürgergesellschaft
des Wilhelminismus und Gestalter eines Gemeinwesens. Sichtbare Zeugnisse seiner Tätigkeit sind die zahlreichen Bauten, die in und um Homburg von ihm geplant und verwirklicht worden sind – allen voran die Saalburg, aber auch etwa die Marktlauben und das Kaiser-Wilhelms-Bad in Bad Homburg, ganz zu schweigen von zahlreichen Wohnhäusern.

 

Das architektonische OEuvre Jacobis steht im Mittelpunkt der zweiten hier anzuzeigenden Publikation der beiden Regionalhistoriker Gerta Walsh und Alexander Wächtershäuser sowie der Architektin Roxandra-Maria Jotzu. Nach einem im Wesentlichen an Jacobis autobiographischen Notizen orientierten Abriss der Biographie steht ein „Architekturspaziergang durch Bad Homburg“ im Mittelpunkt, bei dem die prägnantesten Bauten Jacobis aus kunsthistorischer Perspektive besprochen werden, was dem Bändchen in westentaschentauglichem Format den Charakter eines Vademecums für einen Besuch im wilhelminischen Homburg gibt.


Jacobi als Initiator der Saalburg, Jacobi als gründerzeitlicher Architekt, Jacobi als vielseitig
tätiger Bürger – diese dreifache Wahrnehmung scheint dem Rez. das wichtigste Ergebnis
des Jubiläumsjahres. Wer Jacobi als lokalen Architekten entdecken will, fi ndet in dem
Band von Jotzu, Walsh und Wächtershäuser einen kundigen Führer; für ein facettenreiches
Lebensbild und zugleich die Analyse einer Stadtgesellschaft im späten 19. Jh. liefert die Darstellung Dölemeyers wichtige Erkenntnisse.

 

© Gregor Maier M. A. 2011

 

Wir danken an dieser Stelle der Schriftleitung der Nassauischen Annalen für die Erlaubnis zum Abdruck des Beitrags.