Louis Jacobi – Ein Bürger im Profil

Besprechung

Barbara Dölemeyer, Louis Jacobi und seine Zeit. Homburger Architekt und Bürger. Wiedererbauer der Saalburg, Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Landeskunde Bad Homburg v. d. Höhe 59 (2010), 170 S. zahlr. Abb., 10 €.

Vorträge, Führungen, Ausstellungen, Zeitungs- und Zeitschriftenartikel und sogar eine „historische Revue“ im Kurhaus: Das Jahr 2010 stand für geschichtsinteressierte Homburger ganz im Zeichen des Gedenkens an Louis Jacobi, dessen Todestag sich am 24. September zum hundertsten Mal jährte. Wenn ein so groß gefeiertes Jubiläumsjahr zu Ende geht, stellt sich zwangsläufig die Frage: „Was bleibt?“, die Frage nach dem dauerhaften Ertrag und Erkenntnisgewinn. Die Antwort darauf ist nicht schwer, denn mit der vorliegenden Biographie Louis Jacobis aus der Feder von Barbara Dölemeyer liegt ein Buch vor, das dem Leser die Figur Jacobi auch über das Jubiläumsjahr hinaus nahe bringt.

Die Autorin greift dabei nicht nur auf die zahlreiche Literatur, sondern auch auf die Archivbestände des Hessischen Hauptstaatsarchivs Wiesbaden, des Stadtarchivs Bad Homburg und des Archivs der Erlöserkirche in Bad Homburg zurück. Sie entwirft ein wissenschaftlich fundiertes, zugleich lebendiges und verständliches Lebensbild ihres für die Geschichte Homburgs in der Kaiserzeit so prägenden Protagonisten.
Als Leitfaden der Darstellung lässt sich dabei festhalten, dass Louis Jacobi nicht isoliert, als große Einzelpersönlichkeit, stehen bleibt, sondern in allen Stationen seines Lebens in allgemeine Entwicklungen ebenso wie in seine Umwelt und seine persönlichen Beziehungen eingebettet präsentiert wird. Louis Jacobi tritt uns damit als herausragender Repräsentant einer Epoche gegenüber, die er selbst mit geprägt hat; der Buchtitel „Louis Jacobi und seine Zeit“ hält, was er verspricht. Das beginnt schon in der Jugend, denn in der gut dokumentierten Auswanderung des jungen, vierzehnjährigen Louis Jacobi aus Homburg nach Amerika, der dortigen Berufsausbildung und der schließlichen Rückwanderung nach sechs Jahren, steht das Einzelschicksal exemplarisch für eine ganze Generation.
Der Hauptteil der Biographie gehört jedoch Jacobis öffentlichem Engagement, nachdem er als Architekt und Bauunternehmer in der bürgerlichen Gesellschaft Homburgs „angekommen“ war. In zahlreichen Ehrenämtern, öffentlichen Funktionen und inoffiziellen Netzwerken gestaltete Jacobi seine Heimatstadt mit: Gewerbeverein und Gewerbeschule, Feuerwehr, evangelische Kirchengemeinde, Leseverein, Geschichtsverein, Taunusklub, Stadtrat, Kreistag und Kreisausschuss sind nur die wichtigsten Tätigkeitsfelder dieses Engagements. Vor allem ist und bleibt sein Name aber mit der Saalburg dauerhaft verbunden: Als Archäologe, vor allem aber als spiritus rector für den Wiederaufbau und den musealen Betrieb des Römerkastells darf Jacobi als „Erfinder“ der Saalburg, wie wir sie heute kennen, gelten.

Die zahlreichen Funktionen Jacobis in der städtischen Gesellschaft machen die Biographie Jacobis fast schon zwangsläufig zu einer kleinen Homburger Stadtgeschichte der Blütezeit unter den Hohenzollern: Die Aufnahme Jacobis in das Homburger Bürgerrecht 1864 markierte den formalen Beginn seiner öffentlichen Tätigkeit, die mit seinem Tod 1910 ein Ende fand – eine Zeitspanne, die sich nahezu mit der Zugehörigkeit Homburgs zum preußischen Königreich (1866–1918) deckte. Diesem Umstand trägt die Autorin Rechnung: In der Darstellung wird die Entwicklung Homburgs in dieser Zeit entsprechend ausführlich dargestellt, vor allem die großen Projekte der Saalburg und der Kirchenunion. Und da Geschichte von Personen gemacht wird – erst recht auf kommunaler Ebene – schenkt die Autorin dem Beziehungsgeflecht, in dem sich Jacobi bewegte, die gebührende Aufmerksamkeit. Das „Honoratioren-Netzwerk der Stadt“, für das Jacobi ein „Knotenpunkt“ war (S. 61), wird konkret greifbar in einem „Biographischen Anhang“, in dem 28 handelnde Personen – Honoratioren, Mitarbeiter und Familie – mit lexikalischen Kurzbiographien vorgestellt werden. Vor allem dieser Anhang macht den vorliegenden Band über seinen engeren Gegenstand hinaus zu einem allgemeinen Nachschlagewerk für die Homburger Geschichte der Kaiserzeit. Es währe begrüßenswert, wenn diese Keimzelle für eine „Homburgische Biographie“ bei Gelegenheit fortgeführt und erweitert würde (bei der denn auch die eine oder andere Lücke gestopft werden könnte, etwa mit Eintrügen zu Philipp und Louis Lepper oder zu Adolf Rüdiger).

Den umfangreichsten Teil des Buches nimmt schließlich der Katalog der Bauten ein, an denen Jacobi als Architekt beteiligt war. Ein stilistisches Charakteristikum, nämlich die Kieselsteinfassaden etwa an seinem Wohnhaus in der Dorotheenstraße oder an der Jung’schen Kapelle auf dem katholischen Friedhof, beleuchtet aus kunsthistorischer Perspektive Wolfgang Diel in einem kenntnisreichen Beitrag (S. 89–95). Auch in der Bautätigkeit Jacobis liegt der Akzent der Darstellung auf den beteiligten Personen: Nicht nur die Auftraggeber, sondern auch die Mitarbeiter und Kollegen, mit denen Jacobi zum Teil über lange Zeit zusammen arbeitete, werden namhaft gemacht und vorgestellt, so dass auch hier ein Personennetzwerk entsteht.
Eine kunsthistorische Einordnung von Jacobi als Architekt versagt sich die Autorin, immerhin jedoch setzt sie die oft auf Jacobi angewandten Attribute „Stararchitekt“ und „Lieblingsarchitekten“ (Wilhelms II.) in distanzierende Anführungszeichen. Und tatsächlich fällt dem Leser beim Werkverzeichnis das völlige Fehlen von auswärtigen Aufträgen auf – angesichts des weit gespannten Beziehungsnetzes von Jacobi, das selbst die kaiserliche Familie einschloss, und angesichts des internationalen Publikums im Fürstenbad Homburg würde man von einem echten „Stararchitekten“ etwas anderes erwarten. Dass die Arbeiten in Homburg zahlreich sind, wird angesichts seines Status‘ als „Platzhirsch“ in der Stadtgesellschaft nicht verwundern. Wenn man die Aufträge aus dem Kaiserhaus als den zweifellos wichtigsten Auftraggebern betrachtet, dann scheint Jacobi dort vor allem als Spezialist für rekonstuierendes Bauen geschätzt gewesen zu sein: Neben der Saalburg arbeitete er an der Burg Kronberg und der Romanischen Halle im Homburger Schloss. Für zeitgenössische Architektur dagegen scheint Jacobi – zumindest aus der Perspektive der Hohenzollern – nicht die erste Adresse gewesen zu sein.

So drängt sich zumindest dem Rezensenten auf die Eingangsfrage nach dem wichtigsten Ergebnis des Homburger Jacobi-Jahres die Antwort auf: Es gab und gibt dank der vorliegenden Biographie die Möglichkeit, Louis Jacobi in neuem Licht zu sehen. Er war natürlich auch ein vielbeschäftigter Baumeister; seine eigentliche Bedeutung scheint uns heute aber vor allem auf seiner archäologisch-didaktisch-touristischen Konzeption der Saalburg sowie in seinem Engagement als Bürger im besten Sinne des Wortes zu liegen: als Ratgeber, Gesprächspartner und „Macher“ in der Stadt, in der er bis heute seine nicht nur architektonischen Spuren hinterlassen hat.

© Gregor Maier M. A.

Aus: Unser Homburg 53 (2010), Heft 11; S. 8ff. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Schriftleitung.