Gregor Maier: Laudatio zum 65. Geburtstag von Barbara Dölemeyer

A propos – Homburg, Hessen und die Welt
Rede anlässlich der Feier am 19.09.2011 im Gotischen Haus, Bad Homburg

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Barbara Dölemeyer versteht es, Ihre Mitmenschen zu fordern – im besten Sinne des Wortes. Anders jedenfalls kann ich es mir nicht erklären, weshalb ausgerechnet mir die ehrenvolle Pflicht zukommt, zu diesem schönen, festlichen Anlass einige Worte zu machen. Denn die allermeisten von Ihnen, die hier im Raum sitzen, dürften Barbara Dölemeyer schon erheblich länger – und damit auch erheblich besser – kennen als ausgerechnet ich. Unser beider Bekanntschaft, liebe Barbara, datiert ja jedenfalls erst aus dem Sommer 2007, als ich, neu in Bad Homburg, Dir meinen Antrittsbesuch abgestattet habe.
Ich erinnere mich gut an mein erstes Gespräch mit Barbara Dölemeyer. Ich war, wie gesagt, gerade erst wenige Wochen hier in Bad Homburg und hatte eben erst tastend begonnen, mich in der Geschichte des Taunus zu orientieren. Da saß ich ihr nun gegenüber und tippte im Gespräch einzelne Punkte an, die mir besonders interessant und nachdenkenswert erschienen. – Und jedesmal bekam ich die freundliche Antwort: „Ja, das ist ein spannendes Thema, darüber habe ich auch mal geschrieben“, verbunden mit einem Griff ins Regal, aus dem ein Heft der Mitteilungen des Geschichtsvereins oder ein Sonderdruck hervorgezogen wurde. Am Ende des Gesprächs war ich reichlich mit Lesestoff versorgt – und mit der eindrucksvollen, fast schon einschüchternden Gewissheit, dass die Landesgeschichte hier in Homburg dank Barbara Dölemeyer ein exzellent bestelltes Feld ist.

Ich habe also in den letzten Jahren viel gelesen. Unter anderem bin ich dabei auch auf den Aufsatz gestoßen, aus dessen Titel ich mich für diesen Vortrag bedient habe, er lautet nämlich: „A propos Hugenotten: Wie steht es mit einer Rechtsgeschichte des deutschen Refuge?“, erschienen 1987 in der Zeitschrift Ius commune. Das ist ein Text, der ganz bescheiden daherkommt, nämlich gar nicht im Aufsatzteil der Zeitschrift, sondern unter den Buchbesprechungen; es handelt sich zunächst um eine Sammelrezension, worin der wissenschaftliche Ertrag des Hugenottenjahres 1985 – 300. Jahrestag des Ediktes von Fontainebleau – besprochen wird; der Literaturbericht mündet dann in einen Themenkatalog von Forschungsdesideraten, der noch längst nicht abgearbeitet ist, sondern immer noch Impulsqualitäten hat. Es ist ein kurzer Beitrag, gerade einmal zehn Seiten, aber er bietet sich doch als Ausgangspunkt an, von dem aus sich einige rote Fäden durch das landesgeschichtliche Arbeiten von Barbara Dölemeyer abwickeln lassen. – Drei Fäden sind es, die ich im folgenden spinnen möchte: 1. Geht es um die Themen Barbara Dölemeyers, ausgehend von dem Schlagwort „Hugenotten“, 2. Geht es um die Perspektive, ausgehend vom Schlagwort „Rechtsgeschichte“ und 3. Ein Blick auf die Methode – und dafür schließlich steht das „à propos“.

1. Zu den Themen: A propos Hugenotten

Also zunächst einmal: A propos Hugenotten – oder, dem genius loci von Dornholzhausen Rechnung tragend: A propos Hugenotten und Waldenser. Das ist ein großes Thema, eines der Königsthemen deutscher Geschichtsschreibung im Allgemeinen; und erst recht natürlich ein großes Thema für die Landgrafschaft Hessen-Homburg und für die Rhein-Main-Taunus-Region insgesamt. Barbara Dölemeyer hat sich immer wieder, in einer Vielzahl von Publikationen, intensiv und mit reichem Ertrag damit befasst.
Was in meinen Augen daran charakteristisch ist: Es sind die großen Themen, die Barbara Dölemeyer am Herzen liegen: die Grundlagen, die Überblicke, die großen Linien. Barbara Dölemeyer gehört nicht zu den Historikern, die bevorzugt in Nischen stochern und das vermeintlich oder tatsächlich Abseitige, Kuriose zu ihrem bevorzugten Gegenstand wählen. Das heißt nicht, dass sie nicht durchaus ein Faible für das Anekdotische, das Kuriose, das Erstaunliche hätte – das haben alle Historiker. Und das heißt natürlich genauso wenig, dass Sie etwa nur obenhin, skizzenhaft arbeiten würde ohne Blick fürs Detail – im Gegenteil: Genauigkeit und Präzision, gerade auch im Detail, sind für Barbara Dölemeyer stets von großer Bedeutung. Aber: bei aller Liebe zum Detail und bei aller gebotenen Genauigkeit verliert sie eben nie die allgemeineren Kontexte aus dem Auge. Sie verliert sich nicht in der Betrachtung eines einzelnen historischen Faktums, sondern bettet es stets ein in größere Zusammenhänge, aus denen heraus es erst zu uns sprechen kann und seinen historischen Sinn findet.

Etliche ihrer Aufsätze zur Landes-, Regional- und Stadtgeschichte haben daher Grundlagencharakter. Es geht darin niemals etwa nur um die Präsentation eines Aktenfundes oder dergleichen, sondern es sind teilweise im Grunde richtiggehende Handbuchartikel im besten Sinne des Wortes. Präzise umrissene Kernthemen, nach allen Seiten hin abgeklopft und übersichtlich präsentiert. Ich will Sie, meine Damen und Herren, heute nicht mit langen Aufzählungen einzelner Titel behelligen – an dieser Stelle aber vielleicht doch der Hinweis auf einige dieser herausragenden Grundlagen-Artikel, die sicher viele von Ihnen kennen und die jedenfalls für mich immer wieder ein wichtiges Arbeitsinstrument sind. Zum Beispiel wären da etwa zu nennen: „Zur Rechtsgeschichte der Landgrafschaft Hessen-Homburg im 19. Jahrhundert“ (AHG 1994), „Fragmentarische Staatlichkeit. Die Landgrafschaft Hessen-Homburg im Alten Reich und im Deutschen Bund (Mitt 1995), „Die Landgrafschaft Hessen-Homburg 1848“ (1999), „Der Prinz von Homburg – Dichtung und Wirklichkeit“ (Mitt 2001), oder – ein Aufsatz, dem ich persönlich sehr viel verdanke: „Der Homburger Landgrafenhof an der Zeitenwende 1800“ (Mitt 2006). – Ein besonders schönes Beispiel für die Verbindung von Detailkenntnis und Überblick ist die 2010 erschienene Biographie über Louis Jacobi. Das ist zum einen viel mehr als „nur“ eine Biographie: Das ist ein veritables Panorama der Homburger Stadtgeschichte im Königreich Preußen – kommunale Verwaltung, politische Situation, öffentliches, gesellschaftliches und kulturelles Leben, Vereinswesen, Bauprojekte – das alles wird in einem großen Überblick vereint. Und bei diesem großen Überblick über eine Epoche und die handelnden Personen vertieft sich Barbara Dölemeyer zugleich so sehr ins Detail, dass flankierend noch ein kleiner Beitrag herauskommt, der die Frage „In welchem Haus wurde Louis Jacobi geboren?“ beantwortet.

Diese Weite des Blickes ist aber beileibe nicht an die Grenzen des „Kleinen Vaterlandes“ Homburg gekoppelt, sondern reicht weit darüber hinaus. Das wiederum wird am deutlichsten beim Hugenottenthema deutlich. Der zitierte „A propos“-Aufsatz beschäftigt sich ja eben nicht mit dem Refuge in Hessen-Homburg oder in der Rhein-Main-Taunus-Region, sondern allgemein mit dem Refuge in den deutschen Staaten – von Brandenburg bis Württemberg; in anderen Beiträgen nimmt Barbara Dölemeyer auch eine europäisch vergleichende Perspektive ein; ganz zu schweigen von ihrer Hauptarbeit, der Rechtsgeschichte, in der sie sich von jeher auch in europäischem Kontext bewegt. Wenn ich also die Breite des Dölemeyerschen Schaffens mit dem Dreisprung „Homburg, Hessen und die Welt“ zu umreißen versuche, so glaube ich, dass es dazu nur einer sehr kleinen Übertreibung bedarf. Von der Suche nach Jacobis Geburtshaus bis zur rechtshistorischen Fachherausgeberschaft der „Europäischen Geschichte Online“ – das ist eine Spannweite, die man erst einmal hinbekommen muss!

2. Zur Perspektive: A propos Rechtsgeschichte

Damit bin ich bei meinem zweiten Punkt – also à propos Rechtsgeschichte. Barbara Dölemeyer ist der Profession nach Rechtshistorikerin, also Juristin (dass sie außerdem auch Diplom-Dolmetsch für Französisch ist, sei hier einmal unterschlagen). Der „A propos“-Beitrag, und auch etliche andere wichtige historische Beiträge von Barbara Dölemeyer, ist nicht in einer historischen, sondern in einer juristischen Zeitschrift erschienen.
Hier liegt in meinen Augen ein besonderes Verdienst, das sich Barbara Dölemeyer erworben hat: Sie hat nämlich ihr Fach, die Rechtsgeschichte, für die Landesgeschichte fruchtbar gemacht und diese damit erheblich bereichert. – Was meine ich damit? Die Orts- und Regionalgeschichte, wie Sie herkömmlich betrieben wird, hat in der Rechtsgeschichte oftmals einen großen blinden Fleck. Rechtsgeschichtliche Fragestellungen spielen hier kaum je eine Rolle. Den vornehmlichen Grund dafür würde ich in der lebensweltlichen Orientierung unseres Faches suchen: Wir erleben in unserer Alltagserfahrung ja selber Tag für Tag, dass die rechtliche Ordnung, in der wir uns bewegen, für uns in aller Regel unsichtbar bleibt und als etwas Selbstverständliches kaum wahrgenommen wird. Diese „Unsichtbarkeit“ des Rechtes steht dabei in einem diametralen Gegensatz zu ihrer Bedeutung als strukturierende, handlungsbestimmende Kraft.

Um Gesellschaften vergangener Epochen wirklich verstehen zu können, müssen wir uns aber vor Augen halten, wie die Regeln, nach denen diese Gesellschaften sich formiert haben, beschaffen waren; das gilt erst recht für eine Region, die so kleinräumlich strukturiert ist wie die unsere es bis 1866/71 war – eine Region, in der mitunter ganz unterschiedliche Rechtsvorstellungen und Rechtsräume in einem kleinen Umkreis nebeneinander existieren. Barbara Dölemeyer öffnet uns dafür immer wieder den Blick: Vom Staats- und Verfassungsrecht, das für die Existenz des Territoriums Hessen-Homburg von entscheidender Bedeutung war, über das Kirchenrecht, das Strafrecht und Zivilrecht.

Und: Barbara Dölemeyer lehrt uns auch, dass das Recht keineswegs so „unsichtbar“ ist, wie es den Anschein haben mag. Die signa iuris, die Zeichen des Rechts, sind als historische Monumente allerorten vorhanden; sie müssen nur von uns verstanden und zum Sprechen gebracht werden. Diesen Zeichen des Rechts gilt die besondere Aufmerksamkeit von Barbara Dölemeyer. Sicher kennen viele von Ihnen ihren Aufsatz mit dem schönen Titel „Stadt Homburg hat im Schild keine Hacken stehn“ – zu ergänzen: sondern Gerichtsstäbe als Zeichen der städtischen Gerichtsbarkeit. Signa iuris – das sind also Wappen, Grenzsteine, Münzen und Medaillen, architektonische Elemente an Rathäusern oder auf Marktplätzen – oder auch Stadtschlüssel  wie diejenigen von Lyon, die dem Erbprinzen Friedrich von Homburg bei seiner Einnahme der Stadt ausgehändigt wurden und die Barbara Dölemeyer aufgespürt hat; alle diese signa iuris zeigen uns die Rechtsvorstellungen vergangener Zeiten. Und wer einmal mit Barbara Dölemeyer auf Reisen war, der weiß, dass keine Justitia, kein Pranger, keine Marktsäule, kein Gerichtserker, Gerichtsportal, keine Gerichtslaube, Gerichtslinde oder Gerichtsstube vor ihrem Fotoapparat sicher sein kann.
Mit dieser Topographie des Rechts – die für das 19. Jahrhundert fast zwangsläufig zu einer Topographie der Freiheit wird – öffnet Barbara Dölemeyer die Rechtsgeschichte für die Ortsgeschichte, die ja traditionell einen wachen Blick eben für topographische Gegebenheiten und für dingliche Zeugnisse der Geschichte hat. In wie weit von dieser Engführung von Rechts- und Landesgeschichte nicht nur die letztere, sondern auch die erstere profitiert, das vermag ich, der ich ja kein Rechtshistoriker bin, nicht zu beurteilen; mit Blick auf die Dölemeyerschen Veröffentlichungen würde ich das aber durchaus vermuten.

Für die Orts-, Regional- und Landesgeschichte jedenfalls hat Barbara Dölemeyer damit wichtige Grundlagenarbeit geschaffen. Das gilt, um für ein Beispiel den Bogen noch einmal zurück zu schlagen, in besonderer Weise wiederum für die Hugenottenansiedlung: Die Ansiedlung von Hugenotten und ihre Integration oder auch Nicht-Integration war im Wesentlichen ein juristisches Problem und wurde von den Zeitgenossen auch entsprechend wahrgenommen und behandelt. Die Motive von Nächstenliebe und evangelischer Solidarität, die das Geschichtsbild bis in die jüngere Zeit hinein prägten, traten demgegenüber weit in den Hintergrund.

3. Zur Methode: A propos „à propos“

Zu meinem dritten und letzten Punkt, und hier will ich Ihnen erläutern, weshalb mir das „à propos“ so gut gefällt – also gewissermaßen „à propos „à propos““!
Es zeichnet Barbara Dölemeyer aus, dass Sie häufig „à propos“ arbeitet – also aus gegebenem Anlass, weil ein Thema in der Luft liegt oder an sie herangetragen wird. Ihre Begeisterungsfähigkeit kennt jeder hier im Raum, dessen bin ich mir sicher. Und mit dieser Begeisterungsfähigkeit greift sie Themen auf, die – aus welchen Gründen auch immer – von aktueller Relevanz sind. Seien es nun anstehende Jubiläen, seien es Themen, die durch Projekte, Tagungen oder Publikationen an sie herangetragen werden, und die sie dann aufgreift und fruchtbar macht. Ein solches schnelles und fundiertes Eingehen auf Themen, die in der Luft liegen, ist natürlich nur möglich, wenn man ein Fundament hat, einen Schatz an historischem Wissen und historischer Erkenntnis, aus dem man schöpfen kann, um entsprechende Beiträge zu leisten. Das können nur wenige; jedenfalls kann das Barbara Dölemeyer. Bei Barbara Dölemeyer ist die Geschichte kein Elfenbeinturm, sondern ein offenes Haus, in dem jeder willkommen ist, der historische Fragen hat. Damit sorgt Sie – ganz nebenbei – auch dafür, dass die Beschäftigung mit Orts- und Regionalgeschichte ernst genommen wird, dass Geschichte nicht nur Zierat ist, nicht nur eine anspruchsvolle Freizeitbeschäftigung, sondern ein elementar wichtiger Teil des öffentlichen Lebens in einer Stadt und einer Region.
Barbara Dölemeyer verkörpert das auch in ihrer Person: Sie ist ein wichtiger Mensch in dieser Stadt und in dieser Region, auf dessen Urteil gehört und dessen Rat gesucht wird. Sie ist das, was sie selbst im vergangenen Jahr Louis Jacobi bescheinigt hat: ein „Knotenpunkt im Honoratiorennetzwerk der Stadt“.

Geschichte als Netzwerk – auch das ist ein wichtiges Charakteristikum in der Arbeit von Barbara Dölemeyer, das zu der Methode „à propos“ gehört. Sie ist weit über die Stadt und die engere Region hinaus bestens vernetzt: Sie betreibt nicht nur die Vereinsarbeit hier in Bad Homburg mit Leidenschaft; sie ist Mitglied in allen vier territorial ausgerichteten historischen Kommissionen in Hessen und darüber hinaus in Beiräten und Herausgebergremien von der Hölderlin-Gesellschaft bis zur Europäischen Geschichte Online. Geschichte lebt vom Austausch und vom Gespräch zwischen den Historikern. Und wer einmal erlebt hat, wie in einer größeren oder kleineren Runde mit Barbara Dölemeyer in lebhaftem Gespräch Ideen geboren und entwickelt werden, der weiß, wie fruchtbar diese „à propos“-Methode ist. Gegenseitige, gesprächsweise Anregung – Geschichte, wie Barbara Dölemeyer sie betreibt, hat durchaus auch etwas mit Geselligkeit zu tun. Barbara Dölemeyer betreibt diese Form des gelehrten Austausches, der seine Wurzeln in der Salonkultur des 19. Jahrhunderts hat, geradezu bravourös; die Zahl der Impulse, die sie auf diesem Wege gegeben hat, der Arbeiten, die sie angeregt hat, lässt sich schlichtweg nicht bemessen.

Das „à-propos“ steht also für eine Form des lebendigen und lebhaften Austausches mit Gleichgesinnten in einem weit gespannten Horizont. Dass dieses „à propos“ eine angemessene Form ist, sich der Geschichte zu nähern, das möchte ich zuletzt noch kurz an einem Beispiel illustrieren, also meinerseits, liebe Barbara, Dir ein kleines „A propos“ beisteuern. Das ist bei Barbara Dölemeyer natürlich ein heikles Unterfangen, denn die Gefahr, dass ich von ihr jetzt ein „Kenne ich schon längst“ höre, ist natürlich groß. Ich will es aber riskieren und Dir, liebe Barbara zum Schluss also eine Trouvaille präsentieren, einen kleinen Quellenfund, der – immer in der Hoffnung, dass er Dir noch nicht bekannt ist – ganz gut hierher passt. Es handelt sich um eine Karikatur aus der Feder von Ludwig Emil Grimm, dem jüngeren Bruder von Jacob und Wilhelm Grimm, die zur Sammlung des Städel gehört. Betitelt ist das Blatt: „Ein Kunstabend bei Senator Franz Brentano“, datiert auf das Jahr 1820. Wir sehen hier also eine Salonsituation, wie vorhin angesprochen: etliche Herren und eine Dame, um einen Tisch versammelt bei der Betrachtung von Grafiken aus der bedeutenden Kunstsammlung der Familie Brentano. In dieser Tischrunde wird ein Netzwerk greifbar, ein Netzwerk von wesentlichen Akteuren in unserer Region, die in gewisser Weise die hiesige Kerngruppe der Romantik repräsentieren.
Im Mittelpunkt nicht nur der Zeichnung, sondern auch tatsächlich dieses Salons steht bezeichnenderweise die Frau, die Dame des Hauses: Antonie Brentano, geborene von Birkenstock, die intime Freundin Beethovens, der ja auch zahlreiche seiner Werke gewidmet sind. Zu ihrer Linken sitzt der alte Senator Niklas Vogt, der bedeutende Historiker und Staatstheoretiker zunächst in Mainz, wo er für den jungen Fürsten Metternich zum geistigen Ziehvater wurde, dann seit der Dalberg-Zeit in Frankfurt in herausgehobenen politischen Funktionen.
Dann folgt Christian Georg Schütz der Jüngere, der sogenannte Vetter Schütz aus der Flörsheimer Malerfamilie Schütz. Er hat ja vor allem mit seinen Rhein-Ansichten wesentlich dazu beigetragen, das, was wir heute als Rheinromantik bezeichnen, zu begründen. Neben ihm sitzt Johann Konrad Ulmer, Lehrer der Kupferstecherkunst am Städelschen Kunstinstitut, neben ihm wiederum, an der vorderen Tischkante, Karl Friedrich Wendelstadt. Wendelstadt war kein unbedeutender Maler – Schüler von Jacques-Louis David – und vor allem der erste Direktor [„Inspektor“] des neu gegründeten Städel-Instituts, der dann auch nicht ohne Selbstgefälligkeit zu dem vor ihm liegenden Druck anmerkt: „Ein ganz vortrefflicher Druck. Es hat Ähnlichkeit mit meinem Raffael.“
Mit dem Rücken zum Betrachter sitzt dann am Tisch: Christian Erdmann Gottlieb Prestel, der Frankfurter Kupferstecher und Kunsthändler. Sein Vater hatte sich mit Hilfe von Christian Georg Schütz dem Älteren als Maler in Frankfurt niederlassen können und zählte immerhin Anton Radl zu seinen Schülern; wenn hier der jüngere Prestel, der sich dann von der Malerei auf den Kunsthandel verlegt hat, hier mit dem jüngeren Schütz an einem Tisch sitzt, dann ist das also schon die zweite Generation einer künstlerischen Kooperation.
Prestel redet auf den Hausherrn ein: Senator Franz Brentano, den älteren Halbbruder von Clemens und Bettine, das Oberhaupt der Familie Brentano. Links von ihm sitzt dann der Zeichner, Ludwig Emil Grimm; er gehörte als Protégé der Familie Brentano zu diesem Kreis. Neben ihm wiederum sitzt Georg Brentano-La Roche, der Bruder von Clemens und Bettine Brentano, der zusammen mit seinem Halbbruder Franz das Handelshaus führte.
Dann folgt Theodor Kestner, der Sohn von Charlotte Kestner geb. Buff, besser bekannt als Lotte aus den Leiden des jungen Werther. Er war auf Vermittlung von Goethe als Professor für Chemie und Pharmazie nach Frankfurt gekommen, gehörte zu den Gründern des heute noch renommierten Physikalischen Vereins in Frankfurt und bekleidete herausgehobene Funktionen in der Stadt, etwa als Administrator des Städel.
Und schließlich, auf dem Ehrenplatz zur Rechten der Hausherrin, sitzt der vornehmste Gast des Abends, der Hessen-Homburgische Geheime Rat, Freiherr Johann Isaak von Gerning, der „Sänger des Taunus“. Er war erst zwei Jahre zuvor mit der von ihm geworbenen Braut für den Landgrafen, der Prinzessin Elisabeth, aus London zurückgekehrt. Just zur Zeit, als diese Zeichnung entstand, arbeitete er zusammen mit Schütz an seinem großen Werk der Rheinbeschreibung von Mainz bis Köln, das kurze Zeit darauf vor allem in England eine Welle der Rheinbegeisterung auslöste. Außerdem stand er gerade in Verhandlungen mit dem Herzog von Nassau zum Verkauf seiner bedeutenden Kunst-, Naturalien- und Altertümersammlung nach Wiesbaden, der kurz danach erfolgen sollte.

Was wir hier also sehen, ist die (in diesem Falle kunst-)gelehrte Rhein-Main-Taunus-Region, die sich hier versammelt. Anhand dieser Karikatur wird deutlich, dass es des beschriebenen weiten Blicks von Barbara Dölemeyer benötigt, um fruchtbar Geschichte zu schreiben. Wir haben hier vor uns eine Gesellschaft, ein Netzwerk, dessen Fäden eben nach Homburg, nach Hessen und in die Welt reichen, dem man nur mit gleichermaßen mikro- wie makroskopischem Blick beikommen kann. Diese Gesellschaft wäre einmal „à propos“ noch gründlicher zu beleuchten; das kann und will ich heute nicht leisten; sondern ich will Dir, liebe Barbara, mit diesem Fund meine auch ganz persönliche Reverenz erweisen – Netzwerke, die Familie Brentano, die Romantik, der Homburger Hof um 1800, die gelehrte Gesellschaft, die Frau in der Geschichte, das alles, was in diesem Bild steckt, sind ja Themen, die Dir in besonderer Weise nahe liegen, so dass es in meinen Augen fast schon sinnbildlich für Dein Arbeiten steht.

Und damit zum letzten Mal ein „à propos“ – nämlich ein „à propos Brentano“: Franz und Antonie Brentano waren es, die 1806 ein Weingut in Winkel im Rheingau gekauft haben, das ja heute noch im Besitz der Familie bewirtschaftet wird. Und da zur Geschichte stets auch die Geselligkeit gehört – wir sehen rechts im Hintergrund des Bildes schon den gedeckten Tisch und einen aufwartenden Lakaien – findest Du auf der Rückseite eine herzliche Einladung, die zugleich von Herrn Landrat Krebs und mir ausgeht, zu einer Weinprobe im Brentanohaus, bei der wir dann in gemütlicher Runde „à propos“ alle diese Themen wieder aufgreifen können.

Liebe Barbara: Vivas, crescas, floreas ad multos annos!

 

© Gregor Maier M. A. 2011

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Autors